Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 4 (Januar 1931)
- Article
- Die Münchener Judenschaft 1750-1861
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 282 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Arthur Cohen. Die Münchener Judenschaft 1750—1861 In den letzten 25 Jahren sind in München 50 Juden auf eine Handwerks- oder Fabrikationskonzession aufgenommen worden; davon haben 7 ihr „Ansiedlungsrecht" verkauft, 3 haben einen anderen Beruf ergriffen. Auf eine Handelsunternehmung haben sich ebenfalls 50 Juden ansässig gemacht, 13 Juden sind als Aerzte, Lehrer, Musiker tätig, 2 sind Sensale (beeidigte Makler), Privatiers sind nur 3. Dieser beruflichen Entwicklung entsprach auch eine Entwicklung des Wohlstandes. Zwar arme Juden hat es in München wenig gegeben; dies ist hervorzuheben, weil die gewöhnliche Annahme, daß die Juden fast ohne Ausnahme der reichen oder Kapitalistenklasse angehören, in Bayern auch für die Vergangenheit nicht zutrifft. Eine Denkschrift über das Armenwesen, die in der oben erwähnten Konferenz der Deputierten der bayerischen israelitischen Kultusgemeinden von 1821 übergeben wurde, beginnt mit der Konstatierung, daß die Anzahl der Armen israelitischer Religion im Verhältnis zu den christlichen größer und ihre Lage weit trauriger sei, als die Regierung annehme. Besonders wird in dem Schriftstück auf die „keineswegs unbedeutende Anzahl verarmter Trödel- oder Schacherjuden" hingewiesen, die, unfähig, sich einem anderen Nahrungszweige zuzuwenden, zum Schnorren ihre Zuflucht nehmen müßten. Auch das Judenedikt von 1813 eröffnet den Juden nicht nur deshalb, weil ihre bisherigen Erwerbsarten gemeinschädlich, sondern auch weil sie „unzureichend" seien, neue Gewerbe (§ 15) Ebenso schreibt Rudhardt (Bd. I, S. 67), daß der Hausierhandel mehr noch als für die Allgemeinheit für die hausierenden Juden selbst nachteilig sei, „die dadurch zu einer kümmerlichen Existenz verdammt und an ein erbärmliches Gewerbe gebunden" seien. Da es aber, wie erwähnt, in München keine oder nur wenig „Schacherjuden" gab, so fällt der wichtigste Grund weg, der anderwärts bei den Juden zum Pauperismus führte. Ueberhaupt gab es in Bayern in den Städten im allgemeinen weniger jüdische Arme als auf dem Lande, in den größeren Städten München, Augsburg, Bamberg, Würzburg, Ansbach, Bayreuth gab es „der reichen israelitischen Einwohner mehrere und wenig absolut notleidende" (aus der oben erwähnten Denkschrift über das Armenwesen). Wenn also auf der Judenkonferenz von 1821 ein Vertreter der Kleingemeinden sich einer Uebertreibung schuldig machte, indem er von der „glänzenden Lage der Münchener Juden" sprach, so geht doch schon aus der S. 272 erwähnten Tatsache, daß die Münchener Juden trotz ihrer geringen Anzahl an der Münchener Quote des Zwangsanlehens von 1805 mit einem Viertel partizipierten, die relative Wohlhabenheit der Münchener Juden im ganzen hervor, und zwar selbst wenn man annimmt, daß die Einschätzung des jüdischen Vermögens durch die Stadtgemeinde absichtlich oder unabsichtlich zu hoch gegriffen war. 56) Diese Verhältnisse veranlaßten wohl Martin Philippson in seiner „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" Bd. 1, 1907, S 39, von den bayerischen Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sagen: „Ihr Zustand war . . . der tiefsten materiellen und geistigen Elends, kläglicher Verkümmerung", eine Behauptung, die in dieser Verallgemeinerung sicherlich sehr anfechtbar ist. 282