Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 4 (Januar 1931)
- Article
- Die Münchener Judenschaft 1750-1861
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 266 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259287-2260691--3166-2260760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Arthur Cohen. Die Münchener Judenschaft 1750—1861 Wertheimer der bedeutendste jüdische Finanzagent in Wien. Wertheimer war 1684 aus seiner Vaterstadt Worms nach Wien gezogen. 1713 (nach Mensi) oder schon 1710 (nach Grunwald) übergab er sein Geschäft seinem Sohne Wolf (Abraham) Wertheimer. (Simson Wertheimer starb 1724 in Wien.) Wolf Wertheimer kam 1722 zum ersten Male in Geschäftsbeziehungen zu dem bayerischen Hof durch Darlehnsvertrag und JuwelenKeferung zur Hochzeit von Karl Albrecht (des späteren Kurfürsten, als Kaiser Karl Albrecht VII.). Da ihn dieser sein Hauptschuldner im Stiche ließ12) (näheres bei Sundheimer), so mußte er 1733 seine Zahlungen einstellen. In unserem Material ist Wolf Wertheimer zuerst im Verzeichnis von 1750 (s. o.) als königlich polnischer und kurfürstlicher Oberfaktor erwähnt. Ursprünglich hielt er sich nur vorübergehend zur Einbringung seiner Forderungen gegen den bayerischen Staat in München auf (nach Sundheimer seit 1734). Seine Familie ließ er erst später nach München kommen, wahrscheinlich 1742, nach dem Tode seiner Frau Lea; denn von seinem Sohne Abraham Wolf Wertheimer (geb. 1728) wird in einem Verzeichnis von 1781 gesagt, daß er 40 Jahre in München sei. Wolf Wertheimer starb 1763 in München (Sundheimer, S. 38). Sein Titel Oberfaktor wird aber erst am 14. April 1778 auf seinen Sohn Abraham Wolf übertragen. Zu der Zeit, als die Geschichte der Münchener Juden erst recht anhebt, ist der Stern der Wertheimers also schon im Erbleichen. Abraham Wolf Wertheimer, durch die Erfahrungen seines Vaters gewitzigt, trieb wenig (1788) oder gar keine Geschäfte mehr (1798), sondern beschäftigte sich hauptsächlich mit der Eintreibung seiner Forderungen. Er war auch 1798 schon 70 Jahre alt. Er gilt noch immer als vermöglicher Mann, der von einem „großen Landschaftskapital"13) lebt (1788), obwohl er 1798 nur ein Vermögen von 8—9000 Gulden fatiert, was von der Behörde als „zu gering angegeben" bezeichnet wird1*). In moralischer Beziehung war nichts gegen ihn zu erinnern. Seine Frau hieß Judith. Noch schlechter als die Familie Wertheimer hat die Familie Mändl bei ihren Finanzgeschäften mit dem bayerischen Hof abgeschnitten. Josef Mändl, Jude aus Kriegshaber, wird zum ersten Mal 1718 als Pferdelieferant erwähnt15), ebenso findet sich die Familie16) im Verzeichnis von 1750. Nach Sundheimer, S. 269 ff., 289, dauern die Beziehungen zwischen dem bayerischen Staat und einem Abraham Mändl von 1731 bis 1740 und 1765—1775. Er leistete dem bayerischen Staat Jahrzehnte hindurch als Pferdelieferant und durch sonstige Militärlieferungen wertvolle Dienste (Sundheimer, S. 290). 1788 wird die Witwe eines Mändl im Verzeichnis aufgeführt, aber auch ihr Sohn, Josef genannt, damals 45 Jahre alt, als „Juwelen- und Pferdehändler". 1798 ist er bereits zum Schacherer (Uhren, Ringe, Kleider) herabgesunken; er hat kein Vermögen und ist „ein ewiger Schuldenmacher"17). Man wird also drei Generationen Mändl zu unterscheiden haben: Josef, Abraham, Josef. 12) Trotz des befürwortenden Schreibens Kaiser Karls VI. an den Kurfürsten von Bayern, das Taglicht S. 303 abdruckte. 1S) Die bayerische Landschaft hatte die Schulden des bayerischen Hofes an Wertheimer übernommen. 14) Vgl. Taglicht, S. 27: „An den bayerischen Forderungen hätte sich das Haus Wertheimer beinahe verblutet. Zum Niedergang des Hauses haben sie viel beigetragen. Wolf Wertheimer gerät in Konkurs. In den Testamenten seiner Söhne, der Enkel Simsons, hören wir Klagen über große Verluste und Verarmung". 15) Der Geheime Rat am 2. Juli 1718: Josef Mändl, Jude aus Kriegshaber, als Pferdelieferant hat, solange und sooft er sich in München im kurfürstlichen Dienst befindet, den Hofschutz zu gaudieren. 16) Drei Personen: Isaak, Abraham, Moses, Sämtlich aus Kriegshaber. 17) Nachdem die Witwe einen Prozeß mit dem Fiskus verloren hatte, gewährte ihr der Kurfürst 1796 in Anbetracht ihrer Notlage eine Entschädigung von 100 fl. (Sundheimer, S. 290). 266