Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Neue Kunde von der Marranen-Gemeinde in Hamburg
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 230 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259286-2260545--3089-2260650- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Cecil Roth. Neue Kunde von der Marranen-Gemeinde in Hamburg Geschichte der Juden in Deutschland bezeichnen kann. Die Darstellungen dieser Zeit sind in vielen Einzelheiten noch dunkel, und jedwedes Dokument, das neues Licht auf den Gegenstand werfen kann, ist daher willkommen. Erst seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts hatten die Hamburger Mammen, fast alle Portugiesen von Geburt, begonnen — nicht ohne beträchtliche Gegnerschaft seitens der nichtjüdischen Bevölkerung —, eine Art religiöses Gemeindeleben zu unterhalten. Der Friedhof in Altona wurde im Jahre 1611 gekauft. Die erste uns bekannte Andachtsstätte ist die Synagoge Keter Torah im Hause von Elijah Aboab auf der „Herrlichkeit", die unseres Wissens im Jahre 1627 existiert hat2). Endlich wurden zwei andere kleine Gemeinden neben dieser errichtet, die K.K. Talmud Torah und Neve Shalom, alle drei gingen im Jahre 1652 in der Einheitsgemeinde Bet Israel auf3). Bravo ergänzt unsere Kenntnis dieser Zeit durch verschiedene wichtige Einzelheiten. Aus seiner Aussage geht hervor, daß zur Zeit seines Besuches in Hamburg (spätestens 1617) diese drei Synagogen alle schon bestanden. Die erste, die mit Keter Torah identifiziert werden kann, lag im Hause von Rodrigo Ruy Fernandes Cardoso, wahrscheinlich dem Vater von Elijah Aboab Cardoso, der sie später unterhielt. Die beiden anderen waren bei Rodrigo Pires Brandäo bzw. Alvaro Diniz untergebracht. Der letztere, im jüdischen Leben als Samuel Jachia bekannt, betrieb im Jahre 1611 mit Aboab zusammen den Ankauf des Friedhofs*). Später lagen diese beiden Synagogen in den Häusern von Duarte (David) de Lima und Abraham Aboab Faleiro, auf die wir noch zurückkommen werden5). Etwas später existierte ein Lehrhaus im Hause des reichen Duarte Esteves de Pina (Isaac Milläo) am „Dreckwall", wo dreimal täglich Gottesdienst abgehalten wurde6). Noch nach der Verschmelzung der Gemeinden beabsichtigte Isaac Israel da Silva Solis, ein neu angekommener portugiesischer Emigrant, sein Haus demselben Zwecke zu weihen, wurde aber durch den Neid der Christen daran gehindert7). 2) Vgl. Graetz, Geschichte der Juden, VIII, Kap. I, außerdem Riels, Beiträge zur ältesten Geschichte der Juden in Hamburg (Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 1847), Feilchenfeld, Anfang und Blütezeit der Hamburger Portugiesengemeinde (Hamburg 1898), Aus der äjteren Geschichte der portugiesisch-israelitischen Gemeinde in Hamburg (Hamburg 1899). 3) Vgl. A. Cassuto, Gedenkschrift der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde in Hamburg (Amsterdam 1927). Die Annahme des Verfassers, daß die drei Gemeinden schon 1610 existierten, scheint sich zu bestätigen, obwohl sie sich auf geringes Beweismaterial stützt. *) M. Grunwald, Portugiesengräber auf deutscher Erde, S. 130. 5) Barrios Vida de Ishac Uziel, S. 44 (bei Graetz, a.a.O.). 6) Aussage des Diogo de Lima, gedruckt von D'Azevedo in seinem Artikel „O Bocarro Frances e os judeus de Cochim e Hamburgo" im Archivo Historico, Bd. VIII (s. unten). De Pina wird beschrieben als ein Mann von etwa 50 Jahren, von mittlerer Größe, blaß, mit dichtem braunen Bart. Er wohnte in Hamburg, wo er geheiratet hatte, seit etwa 1621. Ueber das Beth ha Midrasch, das er unterhielt, siehe auch Grunwald, S. 117. 7) Aussage des Miguel de Victoria, herausgegeben von D'Azevedo, a. a. O. 230