Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Neue Kunde von der Marranen-Gemeinde in Hamburg
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 229 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Cetil Roth. Neue Kunde von der Marranen-Gemeinde in Hamburs: So lautet die Erzählung. Ein Renegat erweckt indessen immer einen gewissen unwillkürlichen Argwohn, der in dem vorliegenden Fall sehr gerechtfertigt ist Denn im Laufe der Untersuchung stellte sich heraus, daß Bravos Abreise aus Venedig mit einem Streit zusammenhing, in den er verknüpft war und in dem ein Patrizier ver-r wundet worden war. Seine Abreise aus Amsterdam scheint überstürzt gewesen zu sein, da er ein illegitimes Verhältnis mit einer Engländerin hatte und ertappt wurde. Die Einzelheiten, die im Laufe des langen und monotonen Prozesses zutage treten, sind in hohem Grade gemein. Im Jahre 1619 erschien Bravo bei einem öffentlichen Autodafe, bei dem er in aller Form wieder gnädig in den Schoß der katholischen Kirche aufgenommen wurde. Es scheint jedoch nicht, daß die Kirche irgendwelchen Grund hatte, sich zu der Wiedererlangung gerade dieser Seele zu beglückwünschen. So verabscheuenswert Bravos Charakter war, so wenig berührt die Gültigkeit seiner Erlebnisse. Um die Gunst der Inquisitoren zu gewinnen, gab er einen besonders genauen Bericht über seine Vergangenheit. Er erzählt, wie und durch wen er veranlaßt worden war, zum Judentum überzutreten. Er gibt eine ausführliche Beschreibungdes Ghettos in Venedig und des dortigen jüdischen Lebens, er beschreibt die Unterhaltungen, welche er mit den Amsterdamer Rabbinen, besonders mit Isaac Uziel über die Auslegung des 53. Kapitels von Jesaja führte, und schildert vor allem peinlich genau die verschiedenen Marranen-Gemeinden, mit denen er vertraut war. Diese Anzeigen gehen so sehr ins Einzelne, daß die Vermutung naheliegt, er habe wenigstens während eines Teils seiner kurzen Zugehörigkeit zum Judentum bewußt als Spion gearbeitet. Er erwähnt z. B. aus der Amsterdamer Gemeinde annähernd 120 Familienväter mit Namen, in vielen. Fällen mit dem Heimatort, den Namen ihrer Korrespondenten auf der iberischen Halbinsel und andere bedeutsame Einzelheiten. Ein so detaillierter Bericht über Marranen-Gemeinden, besonders zu so früher Zeit, hat nicht seinesgleichen. Wir haben hier ein geschichtliches. Dokument von erstklassiger Bedeutung für die Geschichte der Juden im 17. Jahrhundert, das grundlegenden Wert besitzt. Die ganze Aussage — in jedem Falle ein merkwürdiges menschliches Dokument — hoffe ich, anderweitig zu veröffentlichen1). An dieser Stelle soll nur ein Teil hervorgehoben werden, nämlich derjenige, der Hamburg betrifft. Hier hielt sich Bravo zu geschäftlichen Zwecken etwa zwei Monate lang auf, anscheinend in der Zeit zwischen 1612 und 1617. Er schließt die Gemeinde entsprechend in seine Denunziation ein. Es war um die Zeit der Gründung jener romantischen Marranen- Kolonie in Hamburg, die man als Beginn eines neuen Kapitels in der x) Der Fall des Hector Mendes Bravo findet sich irn Arquivo Nacional da Torre do Tombo, Lissabon, Inquisicäo de Lisböa, processo n. 12, 493. Ich. habe ihn in einem Artikel in der „Revista de Estudios Hebraicos", Vol. II (Lissabon 1930) ausführlich beschrieben und die wichtigsten Teile seiner Beichte wiedergegeben. 229>