Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Neue Kunde von der Marranen-Gemeinde in Hamburg
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 228 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Neue Kunde von der Marranen - Gemeinde in Hamburg von Cecil Roth Die Prozesse der portugiesischen Inquisition, von denen Protokolle über mehr als 40 000 Fälle im Archiv der Torre de Tombo in Lissabon aufbewahrt sind, bilden eine fast unerschöpfliche Fundgrube für die Geschichte der Juden. Es würde mehr als ein Lebensalter dauern, sie völlig auszuschöpfen. Heroismus und Romantik finden sich in ihnen in solchem Uebermaß, daß sie beinahe selbstverständlich scheinen, zumal sie durch die starre Engherzigkeit und die bewußte Grausamkeit in besonders helles Licht gestellt werden, welche der Handlungsweise ihrer Verfolger zugrunde lagen. Und doch wirkt der Inhalt der Protokolle nicht immer auf die tieferen Empfindungen. Religiöse Ueberzeugung wird oft zu Aberglauben, Ausflucht zu Betrug, und manchmal erscheint in den Reihen der heldenhaften Märtyrer ein Verräter, der die Sache entehrt. Die Geschichte indessen hat bisweilen Ursache, das zu segnen, was die Menschheit im allgemeinen nur verabscheuen kann; denn in den Berichten einiger dieser Denunzianten finden wir häufig Einzelheiten von unschätzbarem Wert, die helfen, das Leben der Marranen in der Heimat und in der Fremde zu rekonstruieren. Ja, man kann vielleicht sagen, daß, je schlimmer der Verrat, desto wertvoller vom wissenschaftlichen Standpunkte aus das Dokument Ein solcher Fall, dessen Protokolle der Aufmerksamkeit der Forscher bis jetzt entgangen ist, ereignete sich in Lissabon gegen Ende des Jahres 1617. Am 11. Dezember jenes Jahres erschien vor dem Heiligen Tribunal ein junger Mann etwa mittlerer Größe mit einem großen Schnurrbart und schwarzem Vollbart. Er hatte eine merkwürdige Geschichte zu erzählen: sein Name sei Hector Mendes Bravo, Sohn des Miguel Nunes Bravo, er sei „Neuchrist", Kaufmann aus der Stadt Lagos im südlichen Portugal. Nach seines Vaters Tode vor etwa 10 Jahren, als er, der Sohn, 15 oder 16 Jahre alt war, sei er mit seiner Mutter nach Italien gegangen, wo sie sich zuerst in Florenz und dann in Venedig niedergelassen hätten. Hier sei er in aller Form zu dem Judentum seiner Väter übergetreten und hatte den Namen David Levi Bravo angenommen. Dann sei er nach vier oder fünf Jahren nach Amsterdam gezogen, wo er als Buchhalter von Manuel Pimentel angestellt gewesen sei. Endlich jedoch habe sein Gewissen begonnen zu schlagen, und er habe den Irrtum erkannt, den er begangen hatte, als er die katholische Kirche verließ. Er sei also nach Lissabon zurückgekehrt und stehe nun vor dem Heiligen Tribunal als reuiger Sünder. 228