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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 226

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-10-01
Page
Seite 226 (sequence 9)
Language
German
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Raphael Straos. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. die jedem echten Naturwissenschaftler bei der Betrachtung rein historischen Materials begegnen und nur durch besondere Vertiefung! bewältigt werden können. So kommt Passarge zu Urteilen, die in ihrer summarischen Primitivität dem geschichtlichen Entwicklungsgedanken ebenso fernstehen wie dem Darwinschen. Die ganze jüdische Geschichte von der alttestamentlichen Sagenzeit bis zur Gegenwart wird auf die Gesetzmäßigkeit eines „Gefühlscyclus" mit Anstieg, Höhepunkt des Philosemitismus und Abstieg zum Antisemitismus bis unter den Anstiegsbeginn hinab schematisiert und graphisch dargestellt (J. 24). „Liebe und Haß" (J. 23 ff.) als wesentlichste und letzte Ursache geschichtlicher Entwicklung darzubieten, kann nur jemand in den Sinn kommen, dem die Geschichtsbetrachtung an sich „gänzlich fernliegt", und der sich nicht die Mühe macht, sich diesen wichtigsten Zugang zu manchen anthropogeographischen Fragen und speziell zu den hier zur Rede stehenden zu eröffnen. Nur dem Ahnungslosen kann eine — schwerlich bewußte, aber darum nicht minder bedenkliche — Verfälschung wie die folgende unterlaufen: die als historisches Gesetz der jüdischen Geschichte festgelegte „Gefühlskurve" stimmt nicht bei dem Handelsvolk der Holländer (J. 38). Statt dadurch selbst Zweifel an seinem „Gesetz" zu bekommen, unterdrückt Passarge diese Tatsache und nennt (J. 399) China das einzige Land ohne jene „Gefühlskurve". So „wichtig" auch die Aufsaugung der chinesischen Juden durch die chinesische Volksgesamtheit ist, so erscheint uns in dieser wesentlich auf europäische Verhältnisse gemünzten Darstellung das Fehlen der Gefühlskurve bei den Holländern doch viel wichtiger. Beide Umstände aber deuten darauf hin, wie eine systematische, auf zureichender Basis aufgebaute und darum nicht in Gemeinplätzen verschwimmende Darstellung diese „Gefühls"-Zusammenhänge ausdeuten müßte. Bei Chinesen und Holländern — aber nicht allein bei diesen — treten deutlich zwei Berührungspunkte mit den Juden hervor: geistiges Leben auf der Grundlage einer alten Kultur und Handelsinteressen auf Grund geographischer und geschichtlicher Voraussetzungen. Im schärfsten Gegensatz zu Passarges Gefühlskurve hat Max Weber auf das — auch anthropogeographisch auszudeutende — natürliche Verhältnis zwischen englisch-holländischem Puritanismus und Judentum hingewiesen. In gleicher Gegensätzlichkeit hat Belloc — nach anderer Seite übertreibend — von einer „englisch-jüdischen Allianz" im 18. Jahrhundert gesprochen. Nach dem spätmittelalterlichen Tiefstand der Gefühlskurve ist ein erneuter Anstieg bis zur Beendigung des Weltkrieges auch für den Ungelehrten deutlich erkennbar. Ob der Kurvenabstieg, der sich in den letzten 10 Jahren gezeigt hat, heute schon wissenschaftlich ausgewertet werden und zu sichererer Deutung führen kann als zu einem prophetischen „Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch", das bleibe unerörtert. Sicher ist, daß Passarges Gefühlskurve falsch ist, daß sie aber auch in ihren richtigen Einzelteilen nicht mehr als eine ganz oberflächliche Beobachtung darstellt. (J. 21). — Schuldscheine lassen sich auch auf andere übertragen, und „so entstand das Wechselsystem" (J. 135). Es habe vielleicht, trotz Sombart, nicht die Juden zu Erfindern, aber gewiß „Sarten", also Städter (das.) — für solche Erkenntnisse brauchte man die Geographie nicht zu bemühen! 226

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