Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 10)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zettgeschichtliche Literatur. Eine nur wenig zureichendere Beobachtung hätte Passarge, aber auch Belloc auf manche parallele Erscheinung zu jener Kurvensenkung der letzten 10 Jahre bringen müssen; so auf den Antisemitismus Stöckers in der Gründerzeit, die Hep-Hep-Rufe nach dem Wiener Kongreß und die zahllosen ähnlichen Ereignisse, in denen die jüdischen Minoritäten das Ventil wurden, durch das die überspannten Dämpfe der politischen Leidenschaften am leichtesten entweichen konnten. Heute ist das wiederum ebenso, und der durch den Rückgang guter christlicher Gesittung enttäuschte Belloc sucht ein Ventil mit demselben in die Irre gehenden Uebereifer wie der durch Deutschlands Absturz erbitterte deutsche Gelehrte. Ihr irrender Blick lenkt sich auf einige jüdische Kommunisten, die den Umsturz der herrschenden Weltordnung für nötig und möglich erachten, und sie suchen nach vermeintlichen Verbindungslinien zwischen diesen Neuerern und dem „Weltjudentum" auf den phantastischen Wegen der „jüdischen Geheimbündelei". Mißlich an dieser Literatur ist das wissenschaftliche Gewand, das sie anlegt. Aber obwohl dieser Literatur mit ihrer maßgeblichen Gefühlsgrundlage wissenschaftlicher Wert nur auf Teilgebieten zukommt, so ist ihr zeitgeschichtlicher Wert gleichwohl beachtlich. Nicht allein darum, weil eine große Wirkung auf das Laienpublikum von ihnen ausgeht, das nach solcher die Vieldeutigkeit der Natur skrupellos korrigierender Belehrung geradezu lechzt, sondern auch deshalb, weil das jüdische Problem nach der einen Seite hin, nämlich der schädigenden Wirkung jahrhundertelanger reiner Stadtkultur, richtig erkannt ist. Auf jüdischer Seite hat man auf diese Belehrung nicht zu warten brauchen, sondern eine schon im Mittelalter von Christen und Juden geforderte, von letzteren auch seit der Emanzipation immer wieder praktisch versuchte Rückkehr der Juden zu gesunderen Lebensbedingungen in die Wege geleitet42). Historische Entwicklungen sind Wirkungen echter Naturgewalten. Der Glaube, sie letztlich beseitigen zu können, schließt eine Beigabe von Hybris ein, und nicht selten paart sich eine solche mit einer gedankenübersättigten und ihrer selbst nicht mehr sicheren Gläubigkeit. Historische Probleme richtig erkennen heißt, jeden Augenblick bereit sein, sich auf eine veränderte geistige Situation umzustellen, zu Zeiten die gleichen Zeichen verschieden, die verschiedenen gleich zu deuten, nicht hauptsächlich „the kind", sondern „the degree" 43) zu beobachten. Wer den Willen nicht besitzt, dem Wechsel nachzuspüren, der für die menschliche Entwicklung bezeichnend ist, kann zwar ein großer Geist in den weiteren Bezirken der Philosophie oder Naturforschung sein, besitzt aber keinen Maßstab für das Detail der menschlichen Entwicklung in den kleinen historischen Zeiträumen, die wir überblicken können. „In Kunst und Wissenschaft sowie im Tun und Handeln kommt alles darauf an, daß die Objekte rein aufgefaßt und ihrer Natur gemäß behandelt werden" **). Gerade die schwierigen historischen Probleme, zu denen die Judenfrage in erster Reihe gehört, setzen eine solche „reine Auffassung" am meisten voraus, und gerade bei der Judenfrage ist wegen ihres Beziehungsreichtums eine solche Reinheit am mühevollsten zu gewinnen. Aus demselben Grunde ist sie aber auch am lohnendsten an Erkenntnisgewinn. 42) Rothschildsches und Hirschsches Siedlungswerk. — Zionistisches Siedlungswerk. — Tätigkeit des Jewish Joint Distribution Comittee, des Reiahsbunds jüdischer Frontsoldaten", des „Ort". «) Belloc, The servile State (London 1912). *4) Goethe, Maximen und Reflexionen II. 227