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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 225

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-10-01
Page
Seite 225 (sequence 8)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere geschicbtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. Parsismus und Judentum ehemals eine ziemlich weitgehende, in der jüdischen Religion noch heute erkennbare Beeinflussung stattgefunden40). Anthropogeographisch ähnlich liegen die Verhältnisse bei den phönizischen und griechischen Gastkolonien im Altertum und den europäischen Gastkolonien, die sich im Altertum und seit dem 16. Jahrhundert in allen Erdteilen ausgebildet haben und großenteils ausgesprochene Stadtsiedlungen mit vorherrschend friedlichem Wettbewerb hervorriefen. Die Karthager haben in hervorragendem Maße „staatsbildende Kardinaltugenden" entwickelt und die Römer auf dem Gipfel ihrer staatlichen Konsolidation gestanden, als die Stadtkultur die höchste Entwicklung erreichte. Alle diese Tatsachen neben vielen anderen gehören zu dem Material, das Passarge zur Gewinnung gut begründeter Erkenntnisse nötig gehabt hätte. Weder bei Ratzel und Ritter noch bei Wagner, Vidal oder Gradmann finden sich derartig weitgehende, allgemein geographischen Erkenntnisse auf so schmaler Basis aufgebaut, wie es die Sarten-Armenier-Basis bei Passarge ist. Nun stellt allerdings auch Passarge eine Fülle historischen Materials zwecks Gewinnung einer breiteren anthropogeographischen Basis an den Anfang seines Buches „Das Judentum". Aber die Absicht ist hierbei nicht die Basiserweiterung, ja sogar überhaupt kein geographischer, sondern ein ganz spezieller historischer Erkenntniszweck, der in keinerlei systematische Beziehung zu einer geographischen Betrachtung zu bringen ist. In wahllos zufälliger Sammlung wird da eine Menge an Qualität vielfach ganz schwacher Einzelheiten zusammengetragen, die irgendwo, mehrfach an nachweislich fragwürdigen Stellen, zusammengelesen sind. Es ist von dem Geographen nicht zu verlangen, daß er die jüdische Geschichtsliteratur kennt. Zweifellos ist das auch bei den anderen Anthropogeographen nicht der Fall, aber diese halten ihre wissenschaftlichen Schlüsse in einigem Gleichgewicht mit ihren sachlichen Kenntnissen. Passarge hingegen zeigt, daß er zu dem in seine Beobachtung einzubeziehenden geschichtlichen Tatsachenmaterial nicht einmal die Zugangspforte des Verständnisses besitzt Eine solche Fülle von Mißdeutungen auf dem engen Raum einer historischen Tatsachensammlung ist keineswegs alltäglich41) und geht weit hinaus über gewisse Schwierigkeiten, 40) Vgl. u. a. Scheftelowitz, Die altpersische Religion und das Judentum (1920). 41) Zum Beweis nur eine kleine Blütenlese: Der Aufstand des Barkochba war „vielleicht die schwerste Krise, die das römische Kaiserreich durchzumachen hatte" (J. 28). — Die Judensteuer (fiscus Judaicus), die Judenvertreibung unter Claudius, die Verfolgungen unter Constantin und der palästinensische Krieg Trajans sind alle bloß Zeugnisse des Judenhasses. Hadrian wollte den Juden den Tempel wieder bauen (J. 28); Julian, „der die Juden als Freunde gegen die Christen brauchte, brachte jenen für kurze Zeit Erleichterung" — hier also und ebenso in ähnlichen Fällen fehlt der für das Verständnis unerläßliche Vergleich mit der Behandlung der Christen; völlig fehlen die Christenverfolgungen unter Nero und Diokletian u. a. — „In Fürth setzte man auf das Dach der Synagoge eine Stange, um die nötige Höhe zu erreichen. Aehnlich die Logik der Schamanen" (J. 352). In Wahrheit wurden auch die Kirchen hoch gebaut, den Juden aber der Hochbau verboten. — „Die Geißelung war im Ghetto überaus grausam" (J. 335). Vgl. demgegenüber die Zeitauffassung bei Schröder, Rechtsgeschichte, S. 838. — Der dem altdeutschen Recht wohlbekannte Kundenschutz wird als eine der geheimnisvollen Einrichtungen des Ghettos aufgefaßt (J. 388). — Maimonides als Verächter der Nichtjuden (J.384). — Die Ketzerinquisition war „eine gewaltige Leistung" (J. 35), aber der unausgeführte Gedanke, die Kanaanäer auszurotten, schlimmster „Menschenhaß" 225

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