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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 224

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-10-01
Page
Seite 224 (sequence 7)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. Bedeutung, die er der Domestikation des Menschen analog der der Tiere anweist (u. a. G. 75 und 140, J. 105) 37). Das ist ein so krasser Anthropomorphismus bezw. Zoomorphismus, wie er nicht einmal in der großen Presse für die Halbgebildeten mehr zu finden ist. Eine Spielart dieses domestizierten Menschen ist nach Passarge derjenige, bei dem nicht nur durch die Domestikation die „adlige Charaktertrias'" verlorengeht, sondern außerdem durch dauernde Unterdrückung der Charakter Verfallserscheinungen aufweist. Auch diese gedankliche Grundlage ist an sich richtig und allbekannt. Unrichtig aber wird bei Passarge der Gedanke dadurch, daß er — wenigstens hinsichtlich der Juden, anders hinsichtlich der Nichtjuden — alle willensmäßige Gegenwirkung, die doch schließlich auch in die Naturgeschichte gehört, ausschließt, ja sogar in plötzlicher Ausschaltung der naturwissenschaftlichen Direktiven beim Fortfall der Unterdrückung eine Vermehrung der Verfallserscheinungen, wiederum allein für die Sarten- Juden, prophezeit38). Man müßte nun annehmen, daß bei solch entschlossener naturwissenschaftlicher Betrachtung wenigstens die Tatsachenbeobachtung richtig ist. Aber auch das kann nur mit erheblichen Einschränkungen zugegeben werden. Es ist nicht richtig, daß für die Juden allein der „friedliche Wettbewerb", der den adeligen Charakter verdirbt, maßgebend gewesen wäre. Der Wettbewerb zwischen Juden und Nichtjuden ist bekanntlich vielfach sehr unfriedlich gewesen, und gerade in diesen Epochen der Unfriedlichkeit haben andere Autoren, z. B. Coudenhove und Belloc, Aeußerungen „adeliger" Art wie den Mut bei den Juden gefunden. Gerade eine naturwissenschaftlich exakte Tatsachenbeobachtung hätte zu der Erkenntnis führen müssen, daß es reine Tatsachenbestande von „Kampf mit der Ungunst der Natur", „Kampf mit feindlichen Menschen", „friedlichem Wettbewerb" nie gegeben hat, und daß eine Pressung der Gesichtspunkte in den Ergebnissen viel eher zu geisteswissenschaftlichen Einseitigkeiten wie dem mythologischen Goldenen Zeitalter und Rousseaus Phantasiebildungen als zu richtigen naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsbildungen führen muß. Das ist notwendig um so mehr der Fall, wenn zudem der Kreis der beobachteten Tatsachen willkürlich verengert wird. Die Parsis, die gleichfalls ganz in Passarges Sinne „Gastkolonien" bilden, seitdem sie vor dem eindringenden Islam die iranische Heimat geräumt haben, die wirtschaftlich seit Jahrhunderten vom Handel leben und als besonders tüchtige Kaufleute gelten und sozial, politisch, religiös abgesondert leben, werden allgemein wegen ihres sittlichen Hochstandes gerühmt39). Nun hat aber gerade zwischen 37) „Haussperling, Hausmaus, Hausratte, Schmarotzermilan ersetzen durch Klugheit das, was ihnen an körperlicher Tüchtigkeit abgeht, es sind gleichsam Sarten" (G. 141). „Haustier oder Mensch" (J. 121) u.a.m. 38) Ganz nebenbei erledigt Passarge das Problem der freien Willensbestimmung. Diese existiert selbstverständlich für ihn nicht. Die primitive Begründung geht dahin, daß der Mensch gegenüber den göttlichen oder Naturgesetzen doch keine Freiheit haben könne. Dem Verf. liegen diese Fragen so „gänzlich fern", daß er nicht einmal die Problemstellung kennt (J. 325). — Viel verständnisvoller findet man die Zusammenhänge bei anderen zeitgenössischen Anthropogeographen, z.B. in Erich v. Drygalskis Rektoratsrede (Der Einfluß der Landesnatur auf die Entwicklung der Völker, Berlin 1922, S. 18) dargestellt. 89) vgl- J- Darmsteter, Parsism (1887), Lindner in Haucks RealencycL, Schanz in Wetzer-Weltes Kirchenlexikon u.v.a. 224

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