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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 223

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-10-01
Page
Seite 223 (sequence 6)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere seschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. sache ändert sich nichts dadurch, daß der Verfasser seine Systemlosigkeit einräumt34). Dieser Systemlosigkeit ist es zuzuschreiben, daß der Verfasser über eine Fülle von versteckten und offenliegenden Fehlerquellen ahnungslos hinweggleitet. Ohne sie hätte der Verfasser selbst Zweifel bekommen müssen an der Richtigkeit seiner Darlegungen auf den Sachgebieten, die ihm fernliegen, überdies aber auch an dem Gültigkeits g r a d seiner richtigen Feststellungen. Der Gültigkeits g r a d naturwissenschaftlicher Gesetze in geisteswissenschaftlichem Zusammenhang [Erforschung der Wesensart des Jahvekults (J. 400 ff.), Gleichsetzung der „ruinösen" Wirkung der jüdischen Minderheit mit derjenigen eines verschwindend kleinen Bazillus (J. 115)] und vieles ähnliche ist sonst keinem Gelehrten zweifelhaft. Die geistige Haltung des Menschen ganz aus den Naturwissenschaften zu erklären — „die Religion ist eine Funktion des Daseinskampfs" (J. 16) — erscheint uns geradezu induskutabel und als systematische Besonderheit bei einem Autor, der seine Arbeit auf „religiöser" "Grundlage aufbaut und allein von der katholischen Kirche die Rettung Europas vor den Juden erwartet (G. 128). Es wäre müßig, darüber zu streiten, ob zur Erforschung des Jahvekults die Geisteswissenschaften oder die Geographie als Naturwissenschaft mehr beitragen können; denn in jedem Fall ist auch in dieser Hinsicht mancher naturwissenschaftliche Hinweis des Verfassers beachtenswert. Wenn nun aber wirklich Jahve ursprünglich die Naturgewalt des Ostwinds! dargestellt haben sollte (J. 414) 35): läßt sich darauf wirklich die Meinung aufbauen, daß auch das spätere Judentum in der „Zweigeschlechterreligion'* steckengeblieben sei, daß der Thoraschrank die vulva darstellt, die Thorarolle das membrum, nicht anders der Talg der Jomkippurkerze die Frau, der Docht den Mann, nicht anders das „Käppchen" und das Glas, das bei der Hochzeit? zerbrochen wird, die vulva u. dgl. m. (J. 35 ff.). Dem Verfasser ist dabei selbst nicht wohl; denn selten versäumt er bei dieser Freudschen Darwinkontinuation den Zusatz anzubringen: „so wenigstens würden Naturvölker den jüdischen Brauch ansehen" (J. 363 u. a. m.), und auch sonst mangelt es nicht an gleichartigen Verzichterklärungen auf die Vorzugsstellung zur wissenschaftlichen Erkenntnis, die wir nun einmal gegenüber den Naturvölkern zu besitzen) glauben. Der Verzicht auf eigene Bewertung der Quellennachrichten findet sich auch sonst bei Passarge sehr häufig36). Daß es Passarge ernst ist mit dieser völlig einseitigen Deutung der Völkercharaktere aus naturwissenschaftlichen Elementen und daß diese Deutungen sachlich und nicht bildmäßig von ihm gemeint sind, erweist sich aus der zentralen 34) S. Einl. zu G. — Auf diesen unsystematischen Charakter und die „Ergebnislosigkeit" von Passarges Arbeit weist auch Alfred Vierkandt hin (Zeitschrift für Politik 14, 192). 35) Vgl. u. a. Greßmann, Palästinas Erdgeruch in der israelitischen Religion (Berlin 1909), S. 53. Es ist ein Unterschied, ob man mit der üblichen Auslegung der Propheten den Chamsin als eine Machtoffenbarung Jahwes auffaßt oder mit Passarge als Jahwe selbst. 36) P. beweist vielfach eine Vorliebe dafür, etwaige Verantwortung für falsche Quellenbenutzung den Verfassern der — Quellen zu überlassen. So auch J. 307 — „wenigstens gemäß der Darstellung im Buche Judith" — und an vielen anderen Stellen ähnüch. Mit der Literaturbenutzung ist es nicht besser. Es scheint uns doch, daß wissenschaftliche Bücher, auch wenn sie keine „Lehrbücher" sind (G. 3), nur ernsthaft geprüfte Tatsachen vorbringen sollten. Aber in der von P. benutzten Literatur fehlen großenteils die entscheidender! Werke; ein Blick in das beigegebene Literaturverzeichnis wird jeden Halbunterrichteten darüber belehren (J. 452 f.). Die Folge mangelhafter Orient tierung des Autors ist es, wenn er auf Fälschungen hereinfällt, wie die „Protokolle der Weisen von Zion", und wenn er zwischen ernster wissenschaftlicher Literatur und allerhand zweifelhaften Schriftwerken (Klötzel, Brafmann u. a.) nicht unterscheiden kann. So fehlt ihm jede Möglichkeit, selbst die sonst längst erkannten Mystifikationen abzuweisen. 223

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