Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 5)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. ographie (Zuspitzung auf die spezielle Erscheinung des Sarten-Judentums) unmöglich machen. Es wäre überaus nützlich, seine Theorie angewandt zu sehen auch auf die Völker der Prärie-, der Gebirgs-, der Küstenlandschaften, und gerade, daß letztere in seiner Darstellung völlig fehlen, erscheint uns mit Rücksicht auf die Phönizier und auf die frühe Entwicklung jüdischer Siedlungen gerade in Hafenstädten (Alexandria) ein schwerer Mangel. Es ist kaum fraglich, daß die Ergebnisse Passarges weniger primitiv geblieben wären, wenn er die allgemein-geographischen Erwägungen nicht so unsachlich eingeschränkt hätte33). Aber auch in der Richtung spezieller Erdkunde, hier im besonderen der Verknüpfung der Juden mit ihren Wohnländern, könnten einige von Passarges Gedanken fruchtbar weiter geführt werden, ja sie hätten in seinem Buch über das Judentum in dieser Richtung weitergeführt werden müssen. Hierher gehören etwa die ethnologischen Voraussetzungen für die Verschiedenartigkeit der sephardischen und aschkenasischen Juden, ferner die Voraussetzungen und Wirkungen der jüdischen Wanderungen und schließlich die bis ins Anthropologische hinein merkliche Differenzierung der Juden nach ihren Wohnländern. Eine Behandlung der beiden ersten Fragen vermissen wir bei Passarge umsomehr, als es sich um zentrale, überdies auch besonders auffällige und den geographischen Gesichtspunkten am offensten überblickbare Tatsachen handelt. Passarge ist keinen von diesen beiden Wegen gegangen, ist vielmehr in den „Grundzügen" trotz des allgemein-geographischen Themas ehestens bei der speziellen Erscheinung des Judentums gelandet und hat umgekehrt in dem speziell-geographischen Buch „Das Judentum" die allgemeinen Kapitel aus den Grundzügen, obwohl der Zusammenhang nur ganz lose ist, wiederholt. Wir bedauern das lebhaft, weil durch diese unsystematische Mischung unverknüpfter Dinge die klare Herausarbeitung seiner charakterologischen Gedanken erheblich eingebüßt hat, und an dieser Tat- 33) In L. ist diese Beschränkung in viel geringerem Grade fühlbar, jedoch sind hier weniger die charakterologischen als die kulturgeographischen Gesichtspunkte in den Vordergrund gestellt. Wenig organisch sind aber auch hier spärliche Betrachtungen des Judentums mit der allgemein-geographischen Betrachtung verknüpft. Ein staunender Ausruf des Verf. (L. 143) zeugt, daß ihm 1922 die Beschäftigung mit der Judenfrage noch neu war: „Es muß ein furchtbares Bewußtsein sein, einer Rasse anzugehören, die alle Völker ruiniert,, mit denen sie zusammenlebt. M. E. ist die Zahl der Juden, die innerlich an diesem Bewußtsein zugrundegehen, nicht gering". Die Unsicherheit, die P. noch 1922 gegenüber der Judenfrage fühlte, erhellt aus einem Vergleich dieses Staunensrufes mit einer anderen Bemerkung (das. S. 142): „Wenn im nachfolgenden ganz allgemein von dem verderblichen Einfluß der Juden die Rede ist, so gilt eine solche Auffassung mit demselben Recht wie die Ansicht, daß die Deutschen kein Nationalgefühl haben. Ebensogut wie es sehr zahlreiche Deutsche mit starkem Nationalgefühl gibt, üben viele Juden keinen zersetzenden Einfluß aus". Die größere Sicherheit, die P. in seinen späteren Arbeiten bezüglich der Judenfrage bekundet, steht zu dieser zaudernden früheren Stellungnahme in seltsamem Gegensatz. 222