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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 221

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-10-01
Page
Seite 221 (sequence 4)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere und zeitgeschichtliche Literatur. Allgemeine Menschenrechte gepredigt — Privileg des Sklavenhandels im Mittelalter, des Mädchenhandels heutzutage. Mangel an kriegerischem Mut — geschäftlicher Wagemut. Ganz entsprechend sind die „Antisarten" mit den konträren Eigenschaften ausgestattet, mit „persönlichem Mut, ritterlichem Ehrgefühl in höchster Entfaltung, Edelmut, Freigiebigkeit, Stolz, Herrscher- und Feldherrntalenten, Organisationsfähigkeit, unbegrenzter (!) Willenskraft und Rücksichtslosigkeit" (G. 115). Trotzdem nun diese Ergebnisse Passarges nicht viel anderes darstellen als den üblichen antisemitischen Gallimathias und trotzdem mit einer so mangelhaften Methode und mit völlig unzureichenden Kenntnissen in den geisteswissenschaftlichen Grundlagen ein besseres Ergebnis kaum erzielt werden kann, könnten doch die Begründungen, die Passarge seinen Erörterungen gibt, an sich wertvoll sein, und es ist für das Verständnis unerläßlich, sich mit diesen Grundlagen zu befassen. Die Ableitung menschlicher Kulturerscheinungen aus der Landschaft, d.h. der Summe der speziellen Naturgegebenheiten, ist ein seit Friedrich Ratzel, dem Schöpfer der Anthropogeographie, mehr und mehr gepflegter Wissenschaftszweig und hat die geisteswissenschaftliche Erkenntnis so sehr befruchtet, daß heute kaum mehr eine allseitige Geschichtsdarstellung ohne landeskundliche Grundlegung denkbar ist. Selbst den Philologen und Theologen, die doch von entschlossen! geisteswissenschaftlicher Seite an die Probleme herantreten, ist das heute selbstverständlich, und man wird auch durch Hugo Greßmanns soeben aus dem Nachlaß herausgegebene Vorträge32) hieran wieder erinnert. Es ist sehr aufschlußreich, Passarges Gedankengängen in bezug auf die charakterbildenden Wirkungen der Oasen- und Stadtkultur zu folgen, in bezug auf die charakterbildenden Wirkungen des Jäger- und Nomadenlebens, in bezug auf die feineren Unterschiede zwischen Kamel- und Schafnomaden u. dgl. m. Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß das Jägerleben in höherem Grade zur Heranzüchtung des persönlichen Mutes führt, das Städteleben dagegen eher zur Heranzüchtung der Diplomatie, daß in der Stadtkultur die „sinnliche Visionskraft" einer „begrifflichen Visionskraft" weicht, und daß der „Kampf ums Dasein" insoweit er durch Ungunst der Natur hervorgerufen wird, andere Gefühls- und Denkformen (Animismus) schafft als der Kampf mit den Menschen. Daß einseitige und hypertrophische Entwicklungen zu Entartungserscheinungen führen, und daß speziell bei den Juden, aber nicht etwa allein bei ihnen, solche Entartungserscheinungen auftreten, ist zweifellos richtig. Unrichtig und unbewiesen ist hingegen die schroffe Gegenüberstellung eines primären Fundamentalcharakters und sekundärer Verfallscharaktere, ebenso die schroffe Gegenüberstellung einer „adligen Charaktertrias: Stolz, vornehme Gesinnung, ritterliches Ehrgefühl" und einer im friedlichen Wettbewerb der Stadtkultur verfallenen Dignität. Leider hat Passarge diese sehr tragfähigen geographischen Erwägungen nicht unbeirrt ausgebaut Am nächsten gelegen hätte ein Ausbau in allgemein geographischer Richtung, d.h. in einer verfeinerten Ausarbeitung des Gedankens und einer Bereicherung des bislang zu geringfügigen Materials. Die Auswertung nach dieser allgemeinen Seite bin würde allerdings das vorzeitige Abgleiten in die spezielle Ge- M) Hugo Greßraann, Die orientalischen Religionen im hellenistisch-römischen Zeitalter (BerÜn 1930), SS. 21, 129 u.a.m. 4 221

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