Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-10-01
Page
Seite 219 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2259275-2259282-2259286-2260544--3077-2260639
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. selbst bekennt, sich mit Bibelwissenschaft, die gleichwohl in den Betrachtungen einen erheblichen Platz einnimmt (J. 400 ff.), wenig befaßt zu haben und der Philosophie und Psychologie „gänzlich fernzustehen" (G. 3). Daß er in gleicher Weise der Orientalistik, Religionswissenschaft und Geschichtswissenschaft ferngeblieben ist, betont er nicht ausdrücklich; deshalb soll es im folgenden gezeigt werden. Daß er überdies seine anthropologische Anschauung betreffs der Juden zwar nicht auf die selbständigen Forschungen von Luschans u. a. gründet, diesen sogar entscheidend widerspricht, selbst aber seine anthropologischen Feststellungen zum Teil auf bloße Photographien ohne Kenntnis der Originale gründet (J. 84, 87, 91) 30), läßt ein rechtes Vertrauen auch nicht zu dem anthropologischen Kapitel aufkommen. Wir schließen aus alledem, daß alle Betrachtungen Passarges, die über die Grenzen seiner Fachwissenschaft (Geographie und Ethnologie) hinausführen, nur im Wege der Intuition erlangt sind, und das bestätigt denn auch der Verfasser selbst, sowohl unmittelbar (G. 3) als auch mittelbar dadurch, daß er sein Buch bezeichnet als „Das Judentum als landschaftskundlich-ethnologisches Problem". Nun sind aber in diesem Buch nur die Kapitel 4 (Land und Mensch im Orient) und 5 (Palästina, Land und Leute), d.h. der kleinste Teil des Buches (rund 100 von 450 S.), allein bezw. vorherrschend landschaftskundlichen oder ethnologischen Inhalts. Diese fachlichen Darlegungen verdienen ernste Beachtung und halten den Vergleich mit der besten Spezialliteratur, wie Theobald Fischers Mittelmeerbildern, vollständig aus. Aber für das altpalästinensische Judentum bedeuten sie doch nicht mehr als eine allgemeine Hintergrundszeichnung und für das mittelalterliche und neuzeitliche Judentum nicht einmal das. Dieser geographische Kern des Buches „Das Judentum" ist nun bereits vollständig in des Verfassers „Grundzügen" enthalten, zum Teil auch in seinem Buch „Landschaft und Kulturentwicklung in unseren Klimabreiten" (Hamburg 1922), und dort ohne das viele sachfremde, halbverstandene Beiwerk. Eine Besprechung des erstgenannten Buches muß deshalb die beiden letztgenannten mitberücksichtigen, manches wird sogar erst durch die „Grundzüge" richtig verständlich. So können wir z. B. nur hier erkennen, auf welchem Weg der Verfasser überhaupt zu einer so weit ausholenden Betrachtung über das Judentum gekommen ist; denn von der geographischen Wissenschaft aus führt an sich nur ein schmaler Pfad zur Volkskunde des alten Judentums, aber gar keiner zu einer Gesamtbeurteilung der weitverstreuten Judenheit der Gegenwart und zu dem Judentum als geistiger Erscheinung. Den Zugang schafft Passarge dadurch, daß er in der Nachbarschaft der Anthropogeographie Neuland anbaut, indem er aus der Landschaftskunde charakterbildende Elemente destilliert. Uns scheint, daß dieses Neuland eher zu dem Grund der Geschichtswissenschaft und Soziologie gehört, und Passarge selbst .gibt das teilweise zu, 30) Es ist selbstverständlich, daß die sinnliche Wahrnehmung und exakte Messung, beides fundamentale Forschungsmittel der Anthropologie, an Photos nicht vorgenommen werden können und diese im besten Fall nur „Eindrücke" zweifelhaftesten Wertes vermitteln. Die ganze populäre „Rassenforschung" einschl. Günther und Schemann gründet weitgehende Schlußfolgerungen auf solche „Eindrücke". 219

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.