Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 1)
- Language
- German
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Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur Schluß) von Raphael Straus Die Formulierung der politischen Forderung, in der Bellocs Buch gipfelt, ist so undeutlich, daß sie nur von ferne mit den vom Verfasser aufgeworfenen Fragen bezüglich unseres modernen Lebens in Beziehung steht, nur von ferne die Juden mit diesen Zweifeln in ursächlichen Zusammenhang bringt. Viel deutlicher drückt sich in dieser Hinsicht Passarge aus, und da er denselben Ausgangspunkt nimmt wie Belloc, nämlich den einer Art katholischer Gesinnung (G. 128) 29), Kritik des Kapitalismus, der Stadtkultur sowie der Juden als der angeblichen Schöpfer und Exponenten dieser Kultur und zugleich auch des Bolschewismus, so darf man wohl Passarges Forderung auch als eine Interpretation der undeutlicheren Forderung Bellocs auffassen. Zu dieser Passargeschen Forderung vorzudringen, ist keine kleine Mühe. Denn hat man sich durch die geographisch-ethnologisch-anthropologisch-biologisch-philologisch-psychologisch-historisch-religiönswissenschaftlichen Betrachtungen durchgearbeitet und bemerkt, wie sehr sie allem fachmännischem Urteil fernbleiben, so wird man feststellen, daß das seltsam zersplissene, wissenschaftlich nicht zu wertende Werk sogar in politischer Hinsicht jede Erwartung enttäuscht. Indessen finden wir die politischen Forderungen bezüglich der Juden, die uns Passarge in seinem Buch über „Das Judentum" vorenthält, — völlig unerwartet und wiederum in seltsamem Widerspruch zur wissenschaftlichen Arbeitstechnik — in seiner 1925 erschienenen Arbeit „Grundzüge der gesetzmäßigen Charakterentwicklung der Völker". Umgekehrt wäre es einleuchtender. Das ist aber nur eine der vielen Ueberraschungen, die Passarge dem Leser bereitet. Ueberraschend ist zunächst, zumal der Verfasser Universitätsprofessor ist, die Rolle, die er der Wissenschaft anweist: so der Aufschwung der Wissenschaften als Symptom beginnenden Verfalls (J. 144), so (J. 154) der „Schreibtischgelehrte, der auf Irrwege geraten muß" — das letzte Wort von Passarge fettgedruckt —, so die Selbsttäuschungen des Schreibtischgelehrten, „der den primitiven Menschen nach sich selbst beurteilt" (J. 420). Wenn eine solche Kritik der Gelehrsamkeit von einem Gelehrten stammt, muß sie eine ergänzende Erläuterung über die Quellen des eigenen Wissens finden. Diese Erklärung muß sich der Leser per exclusionem daraus erschließen, daß der Verfasser 29) Im folgenden sind die Passargeschen Bücher wie folgt zitiert: „Das Judentum" J., „Grundzüge" G., „Landschaft und Kulturentwicklung in unseren Klimabreiten" (Hamburg 1922) L. 218