Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 215 (sequence 19)
- Language
- German
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Alexander Pinthus. Studien über die bauliche Entwicklung der Jadengassen in den deutschen Städten Judensiedlungen zu erklären22). Die Entwicklung einer Judenschule beginnt mit der Ueberlassung eines Zimmers für die Gebetsversammlung und für das religiöse Studium. Wo die Zahl der Juden nur gering, die Gemeinde noch nicht gefestigt oder die Religionsübung behindert war, begnügte man sich mit diesem Räume23). Sobald aber Mittel und Starke der Gemeinde es erlaubten, wurde zum Bau einer „Schul" geschritten. Die Plätze an der Straße waren dann freilich schon besetzt. Ein Gemeindemitglied stiftete oder verkaufte wohl der Gemeinde einen Platz im Hofe oder Garten seines Hauses. Es ist auffallend, daß die Synagogen sich vielfach auf dem dem Markte oder der Hauptstraße nächst gelegenen Teile der Judengasse befinden24). Darin dürfte eine Bestätigung der oben gezeigten allmählichen, von der Verkehrsstraße aus einsetzenden Besiedlung der Judengasse liegen, z. B. in Köln, Breslau, Hildesheim. Selbst bei Errichtung der Synagoge in einem Stadium schon vorgeschrittener Besiedlung werden die am Anfang der Gasse wohnenden, alteingesessenen Hausväter am ehesten in der Lage gewesen sein, einen Bauplatz abzugeben. Der Zugang zur Synagoge erfolgt durch das dazugehörige Vorderhaus oder durch einen schmalen Gang von der Straße her (Erfurt, Wien, Köln). Die Synagoge steht religiöser Vorschrift entsprechend frei25). Ob freilich immer genügend Platz zur Verfügung stand, um das Mindestmaß von 8 Ellen Abstand einzuhalten, erscheint mir nicht sicher. Jedenfalls war durch die vorgeschriebene Freistellung sowie durch die Anordnung im Blockinnern die Entstehung eines „Schulhofes" gegeben. Durch Ankauf von Grundstücken wurde der Schulhof zu- 22) Daß der religiöse Sammelpunkt auf ein eigenes Gebäude verzichten muß, sehen Avir auch heute bei vielen Sondergemeinden, (Goldenberg a. a. O., S. 46/50). Auch Kirchen rücken nicht selten in die Häuserzeile. (Fritz Wolff: ,*Ueber die Stellung der Kirchen im Stadtplan", Städtebau, I, S. 23). Später angelegte Klosterkirchen liegen auch im Inneren von Baublöcken. (Köln, im Dau. Vgl. Rhein. Mitteilungen, VIII, 2, S. 119). Die Umbauung dieser Kirchen erfolgte freilich meist erst nachträglich (Keußen: „Die älteren Straßennamen der Stadt Köln", Rhein. Mitt. VIII, 2, S. 93). — Eine Parallele zu der nachträglichen, abseitigen Anlage der Synagoge scheint mir bei der Anlage der Kirchen in manchen östlichen Kolonialstädten vorzuliegen. Sei es, daß durch eine vorhandene Kirche sich ein Neubau bei der Marktgründung erübrigte (Breslau, Posen. Vgl. Fritz: „Deutsche Stadtanlagen", S. 32 undMeurer: „Stadtgrundrisse", S. 93), oder daß die Lokatoren, die die Stadt anlegten, mehr Wert auf die Ausnutzung des Marktplatzes für den Handelsverkehr legten. Jedenfalls liegen die Kirchen dort öfter an abgelegener, dem Marktverkehr entrückter Stelle. Während die Kirchen in diesem Fall Raum genug auf unbebauten Terrains fanden, mußte die Synagoge hinter der Reihe der Wohnhäuser entstehen. 23) Duderstadt (Riemer: „Niedersachsen", S. 37), Hannover (Zuckermann: „Dokumente zur Gesch. d. Jud. i. Hann.", Hannover 1908, S. 35). 24) Köln, nahe der Marspforte. Breslau, 1453, 4. Haus von der Schmiedebrücke (Brann, a. a. O., IV, S. 87). — Hildesheim am Markte, an der Stelle des Templerhauses (Riemer: „Niedersachsen", S. 26). 25) A. Grotte: „Deutsche, böhmische und polnische Synagogen vom 11. bis Anfang des 14.. Jhdt.", Berlin 1915, S. 11. Eine alte Abbildung der Fürther Synagoge zeigt diese von einer ziemlich großen Freifläche umgeben (Kohut: „Geschichte der deutschen Juden", Berlin 1916, S. 312). 215