Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 216 (sequence 20)
- Language
- German
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Alexander Pinthus. Studien über die bauliche Entwicklung der Judensassen in den deutschen Städten weilen vergrößert (Wien, Köln). Durch die Anlage der Synagoge hinter der Hausreihe stieß der Schulhof oft schon an Grundstücke christlicher Nachbarn (Köln, Trier). Der Schulhof ist nicht nur Vorplatz der Synagoge, auf ihm fanden auch unter freiem Himmel die Trauungen statt, ebenso wie auf ihm innerhalb der jüdischen Gemeinde die Rechtsprechung erfolgte26). Er ist unter beengten Verhältnissen die einzige Freifläche des Judenquartiers und ist in jeder Beziehung „der" Platz des Ghettos. Er ist z.T. auch wirklicher Markt, so in Frankfurt a. M., wo im 18. Jahrhundert hier Lebensmittel verkauft wurden, und auch schon in der alten Wiener Judenstadt27). Um den Schulhof ordnen sich, neben oder hinter der Synagoge, z.T. in baulichem Zusammenhang mit ihr die übrigen Gemeindebauten. Liegt hinter der Synagoge noch genügend Freiland, das erworben werden kann, so setzt mit dem Schulhofe eine Tiefenerschließung ein, die wir in der alten Wiener Judenstadt (Tafel V) am weitesten entwickelt finden. Ebenso zeigt der Plan von Prag (Tafel V) mehrfach die hinter der Synagoge liegenden Höfe und Gäßchen, die von dem Schulhofe, der sich der an der Straße liegenden Synagoge anschließt, ausgehen und das Blockinnere weiter erschließen. Diese Breitenentwicklung der Siedlung unter dem Einfluß des Gemeindebedürfnisses ist auch auf dem Plan der Kölner und Frankfurter Judensiedlung (Tafel V) zu verfolgen, freilich nur im Rahmen des beschränkten Raumes. Auch in Trier und Worms scheint die Anlage der Gemeindebauten die Form der Siedlung bestimmt zu haben28). Diese Tiefenerschließung des Geländes ist mit den früher besprochenen Judenhöfen nicht gleich zu setzen, da die Benutzung des so erschlossenen Terrains zu Wohnzwecken erst der öffentlichen Benutzung sich anschließt, während in den Wohnhöfen 13er Wohnbedarf das Ursprüngliche ist. So haben Raumbeschränkung, Berufsstellung und Gemeindeleben die Gassen der Judensiedlung geformt, die in ihrer Unscheinbarkeit durchaus ein Produkt der jüdischen Lebensbedingungen sind. (Weitere Studien folgen.) «) Scherer: „Rechtsverhältnisse", S. 230; Gengier: „Stadtrechtsaltertümer", S. 112/113. 27> Kracauer: „Frankfurt", S. 407; Schwarz: „Wien", 1, S. 43. ») Vgl. die Darstellung der Judensiedlung in Worms auf dem Plan von 1690, abgedruckt im Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der dtsch. Gesch.- u. Altert.-Ver. LVIII, 1910, Sp. 33/34. Trier, Stadtplan u. Plan von Alt-Trier bei Renard: „Stadtebilder", S. 97, vgl. auch den Merianschen Plan von Düren, in dem die Stelle, welche die vor Zeiten dort gelegene Judenschule bezeichnet, deutlich als Hofbildung heraustritt, sodann das oppidum judeorum auf dem Plari von Krakau in Georg Bruins „Civitates orbis terrarum", Köln 1572/1618. — Zum Ganzen vgL Krautheimer, Mittelalterl. Synagogen (Mitteilgn. d. Gesellsch. z. Erforschung jüd. Kunstdenkmäler, 1X/X), 1927. 216