Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
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Alexander Pinthus. Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten dörfer o. ä. genannt, die in einigem Abstände von Städten oder auch ganz für sich angelegt sind, etwa als selbständige jüdische Siedlung entstanden sind. Zwar ist die Bezeichnung „Judendorf" allein kein Beweis für Art oder Umfang einer jüdischen Ansiedlung12), auch besteht über die Entstehung der Judenorte im Elb-Saale-Gebiet kein Anhalt13). Sie müssen aber doch schon ziemlich frühzeitig Juden in größerer Zahl beherbergt haben, wenn sie bereits bei ihrer Erwähnung im 12. und 13. Jahrhundert nach Juden benannt werden. Es besteht die Möglichkeit, daß die schon im 10. und 11. Jahrhundert bei Prag, Magdeburg, Merseburg und Halle vorhandenen Judenniederlassungen unabhängig von den fränkischen Juden, vielleicht von Böhmen her, erfolgten, und daß wir hier wirklich Spuren von dem Eintreten der Juden auf einer frühen Stufe ihrer eigenen Rechts- und Wirtschaftsentwicklung in eine frühe Entwicklungsperiode des Städtewesens antreffen. Da Böhmen in bezug auf viele religiöse Gebräuche bei den Juden als selbständiges, vom Westen unabhängiges Gebiet galt, ist es denkbar, daß die Besiedlung der slawischen Länder auch, von dem westlichen Judenstrom gesondert, von Süden her erfolgte14). Mit Böhmen standen die Elbstädte offenbar in Verbindung15), während die Fühlung mit den westlichen Juden ziemlich lose gewesen zu sein scheint. So wurde dem jüdischen Reisenden Benjamin von Tudela (um 1170) die Ansässigkeit der Juden an der Elbe scheinbar nicht bekannt16). Der besondere Judenschutz und die Zugehörigkeit zur kaiserlichen Kammer kamen in Ostsachsen auch erst später zur Wirkung als im Westen. Der Sachsenspiegel (um 1230) kennt sie noch nicht17). Daher nennt auch ein Verzeichnis der Judensteuern im Jahre 1241 die ostsächsischen Städte nicht. Nur die Goslarer Juden Judendorf bei Graz in Steiermark, Mitte des 12. Jhrdts. „Villa die genannt wird zu den Juden" (Germ. Jud., S. 119 u. 136). Judendorf in der Nähe des Flusses Metnitz bei Friesack in Kärnten, erwähnt 1128 und 1144 „Villa Judeorum" (Germ. Jud., S. 136). Judendorf, vermutlich bei Drauburg westlich von Marburg in Steiermark, erwähnt 1224 „Villa que dicitor Gudtendorf" (Germ. Jud., S. 137). Judendorf bei Tamsweg im Herzogtum Salzburg (Germ. Jud., S. 136). Jüdenberg, Dorf bei Gräfenhainichen im Reg.-Bez. Merseburg, 1201 „Jodenberg" (Germ. Jud., S. 137). Jüdendorf, 1208 Dorf bei Steigra im Kreise Querfurt, Reg.-Bez. Merseburg (Germ. Jud., S. 137). Judendorf mit Judendorfer Mark, Ortschaft bei Schlettau und Beuchlitz unweit Halle, erwähnt 1238 und 1244. (Neufeld: „Die Halleschen Juden im Mittelalter, S. 25). 12) Caro: „Wirtschaftsgeschichte", II, S. 187. 13) Siehe auch Scherer: „Rechtsverhältnisse", S. 116 über die österreichischen Judendörfer. 14) Vgl. hierzu „Germ. Jud.", Art. Böhmen, S. 36, sowie Jerabeck: „Der alte Prager Judenfriedhof", und Scherer: „Rechtsverhältnisse", S. 110. lö) Rabbi Elieser ben Isaak aus Böhmen in Halle (Germ. Jud., S. 37), s. a. unter Abraham Hladek (Germ. Jud., S. 39). 16) Caro, I, S. 232. 17) Caro, I, S. 401, 402 u. 415. (Das kann aber auch in der frühen Verleihung an die Bischöfe begründet sein. Red.). 201