Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
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Alexander Pinthos. Studie» über die bauliche Entwicklung der Judengrassen in den deutschen Städten kehrslage und die schutzgewährende Nähe der Stadt wahrnehmen wollten, mußten sie sich schon im suburbium, vor den Toren, niederlassen. Der geringe Raumbedarf des Kaufmanns machte es ihm möglich, ganz nahe bei der Stadt sich anzusiedeln, was landwirtschaftlichen Ansiedlern nicht möglich gewesen wäre. Durch den Zwang, sich durch Neubauten Unterkunft zu verschaffen, trugen die Neuankömmlinge zur baulichen Entwicklung der Städte bei. Ja, man kann die Stadterweiterungen des Mittelalters wohl in der Hauptsache fremden Zuzüglern zuschreiben, denn in der Abneigung der Stadtbewohner, die wenig geschützten und geschätzten Außenbezirke zu besiedeln, zeigte sich der „centripetale" Charakter der mittelalterlichen Stadtanlage7). Solche „Randsiedlungen" finden wir in Deutschland in großer Zahl. Denn in der Frühzeit der deutschen Stadtentwicklung trieben im Frankenreiche außer den Juden auch Syrer, Griechen, Italiener Handel8). Dazu kamen später die Friesen, Walen (Wallonen, Wälsche), Schotten und endlich die Holländer, Franzosen (Refugies) und Salzburger als Ansiedlergruppen. Die Erinnerung an diese Ansiedler wird, wie an die Juden, auch heute noch in den Straßennamen vieler Orte festgehalten. In derselben Weise erscheinen die ersten deutschen Siedlungen im slavischen Gebiete in Anlehnung an die bestehenden Orte9). Bei der Anlage von neuen Städten neben vorhandenen Stammorten wurden diese dagegen oft zu einem, an die neue Stadt sich anlehnenden Vorort, in dem die Urbewohner als Fremde hausten. Die Anlage solcher Ansiedlungen im Außenbezirk war im Mittelalter leicht durchführbar, da die Anforderungen an die Baureife der Straßen, die wir heute zu stellen gewohnt sind, damals fortfielen. Wo aber der Boden durch Rodung oder Abdämmen eines Ueberschwemmungsgebietes oder Trockenlegung von Sümpfen bebauungsfähig zu machen war, überließ man gern die Arbeit und den Boden fremden Kolonisten10). (Dammvorstadt bei Hildesheim, Neu-Isenburg). Der natürlich gegebene Platz für neue Ansiedler war an der in die Stadt führenden Hauptstraße, zur Wahrnehmung der günstigen Verkehrsgelegenheit. Größere Gruppen, die wirtschaftlich schwach waren oder für die Stadt keinen Gewinn zu bringen versprachen, mußten freilich mit abgelegenen Wohnplätzen vorlieb nehmen; besonders dann, wenn sie auf geschlossenes Zusammenwohnen Wert legten. Für manche Zuwanderer, die flämischen Wollweber und andere Handwerker, war die Nähe des Handelsverkehrs auch nicht so wichtig, so Rud. Eberstadt: „Handbuch des Wohnungswesens", Jena 1910, S. 24. 8) Hoeniger: „Zur Gesch. d. Juden im frühen Mittelalter" (Zeitschr. Bd. I, S. 80), vgl. auch Hoffmann: „Geldhandel", und Dubnow* „Weltgeschichte". 9) Fritz, Johann: „Deutsche Stadtanlagen" (Beilage zum Programm 520 des Lyceums zu Straßburg i. E.), 1894. 10) Franz Meurer: „Der mittelalterliche Stadtgrundriß im nördlichen Deutschland in seiner Entwicklung zur Regelmäßigkeit auf der Grundlage der Marktgestaltung", Berlin 1914, S. 81. 199