Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 194 (sequence 20)
- Language
- German
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Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus obrigkeit ihres Wohnorts legitimieren konnten, und daß sie nach beendigtem Jahrmarkt sich nicht länger als 36 Stunden aufhalten durften81). Es muß namentlich das Geldgeschäft der Berliner Juden außerordentlich zugenommen haben. Ein anonymer Schilderer der Stadt bemerkt in einer 1788 erschienenen Schrift, allerdings wohl über^ treibend, daß der hiesige Reichtum sich größtenteils in Händen von Juden befinde und deren Einfluß schon deshalb ein ungemein großer sei, weil alle Leute an Gewicht entweder ihre Schuldner wären oder sonst mit ihnen im Geldverkehr stünden. Die jüdischen Bankhäuser übertrafen nach 1800 an Zahl die christlichen — das Industrie-Adreßbuch von 1807 bringt 30 jüdische gegenüber 22 christlichen Bankiers —, Ihr wirkliches Uebergewicht war vielleicht noch größer, da die christlichen teilweise das Geldgeschäft nur als Anhängsel des Waren-, Kommissions- und Speditionshandels betrieben. Wir sind leider gar nicht unterrichtet über diesen wichtigsten Zweig des jüdischen Handels und seine Entwicklung; jedenfalls sind damals schon einige der bekanntesten jüdischen Bankhäuser emporgekommen, so die Mendelssohns (Gründer die Söhne von Moses Mendelssohn, Joseph und Abraham), Oppenheim, Warburg, Bamberger, Helfft, von Halle, Herz u. a. m. Schon 1773 gab es sieben vereidete Judenmakler neben fünf christlichen, und zwar nur Fonds-, keine Warenmakler, welch letztere 'lediglich von der Materialistengilde gehalten wurden. Das jüdische Kapital hat sich am Ende des Jahrhunderts besonders lebhaft auf die Baumwollfabrikation geworfen; seit 1792 wurden eine auffallende Menge von Konzessionen für Baumwollfabriken und besonders -druckereien erbeten und bewilligt. An dem reißend schnellen Aufstieg dieses Zweiges um die Jahrhundertwende waren demnach die Juden hervorragend beteiligt. Besonders auffällig ist die Tatsache, daß die rasche Vermehrung der Berliner Judenschaft, die vordem so viel Bedenken verursachte, völlig ins Stocken geriet gerade in der Zeit, in der der materielle und kulturelle Aufstieg offensichtlich zu Tage tritt. Soweit erkennbar82), ist 1778 mit 3670 Köpfen der Höchststand erreicht; dann, tritt sogar ein Rückgang ein, so daß 1779 nur 3419, 1786 nur noch 3363 Köpfe gezählt wurden; danach erfolgte wieder eine langsame Zunahme, so daß 1803 wieder 3636, 1804 allerdings 3588 Köpfe vorhanden waren. Diese Erscheinung läßt sich nicht etwa damit erklären, daß bei steigendem Wohlstand eine Beschränkung der Geburten einzutreten pflegt. Das Gegenteil trifft hier zu; denn wenn im Jahre 1743 333 Familien mit 1945 Köpfen, 1806 dagegen 405 Familien mit rund 3600 Köpfen angegeben werden, so ist die auf die einzelne Familie entfallende Kopfzahl in dieser Zeit von etwa 6 auf fast 9 gestiegen, in welchen Zahlen allerdings auch die Dienstboten enthalten sind. Es muß vielmehr gelungen sein, den Zuzug und das Anwachsen der Schutzfamilien abzuriegeln, was auch mit der oben mitgeteilten ablehnenden Haltung gegen die Fremdjuden übereinstimmen würde. Der jähe Rückgang seit 1778 — im ersten Jahr um 250 Köpfe — ließe sich vielleicht mit einer Abwanderung in die auf Grund der ersten polnischen Teilung neuerworbeneü Gebiete erklären, in deren Städten der König, wie wir wissen, auch jüdische Familien ansiedeln ließ. Späterhin spielt auch ein nicht unerheblicher Verlust 81) Reskr. vom 22. September 1779, Prov.-Arch. Brandenburg, I 45, Nr. 344. Die Annalen erwähnen geschärfte Edikte wider die überhandnehmenden fremden Betteljuden vom 2. Dezember 1780 und wider das Hausieren unvergleiteteri Juden vom 31. März 1785 und 11. Januar 1786 (SS. 311, 316). 82) Zahlen besonders nach Bratring, Miszellen. Ob die offiziellen Zahlenangaben zutreffen, erscheint allerdings zweifelhaft, Nicolai wenigstens schätzt den wirklichen Bestand 1786 höher, auf etwa 4—5000 Köpfe. 194