Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 191 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259286-2260542--3047-2260611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus Taler 9 (statt 18) Prozent normiert6*). Das blieb ebenso unwirksam wie alle Zinsbestimmungen, wenigstens wird mehrfach berichtet, daß Berliner Juden zweifellos unerlaubte Zinsen nähmen und Wucher trieben66). Der Schleichhandel wurde unter dem schroffen Protektionismus jener Zeit in gewaltigem Umfang betrieben und war zum höchsten Aerger des Königs mit keinen Mitteln auszurotten. Er glaubte, ob mit oder ohne Berechtigung, daß er am stärksten in Berlin blühe und daß die Juden mit ihren Listen daran den vornehmlichsten Anteil; hätten. Daher verfügte er 1766, daß Juden für den geringsten Kontrabandehandel außer den dafür bestimmten sehr harten Strafen auch den Verlust des Schutzprivilegs zu gewärtigen haben sollten. Wenn der strafbare Handel trotzdem nicht unterbleibe, so könne er sich entschließen, sämtliche Juden auszuweisen67). Es findet sich dann auch, daß zwei Juden im April 1781 wegen einer Kaffeedefraudation zu zehnjähriger Festungsarbeit in Spandau und zur Einziehung ihrer Schutzprivilegien verurteilt wurden68). Die Zeit des Siebenjährigen Krieges bedeutet in mancher Hinsicht eine Wende. Die zu Reichtum gelangten Juden richteten ihre Lebenshaltung auf den Fuß der vornehmen Gesellschaft ein, ja sie gingen mannigfach voran, wie denn das Itzigsche Palais wohl als erstes Berliner Privathaus ein eigenes Bad enthielt; auch in Gartenanlagen, Gemälde- und Büchersammlungen taten sich einige jüdische Bankiers bedeutend hervor. Ein fremder Beobachter bemerkt 177969), die Berliner Juden hätten sich in Benehmen, Kleidung und Geselligkeit schon sehr gehoben und liebten Literatur und Schauspiel. Dabei waren sie noch in den fünfziger Jahren, in Mendelssohns erster Zeit, durch äußere Mißachtung und eigene orthodoxe Vorstellungen von der Umwelt schroff getrennt gewesen. Für den geistigen Anschluß an die westeuropäische Kultur und die Ideen der Aufklärung sind Moses Mendelssohn, Itzigs Schwiegersohn David Friedländer und der Arzt und Philosoph Markus Herz bahnbrechend geworden. Er wurde am lebhaftesten von der Weiblichkeit vollzogen, die sich mit überraschendem Anpassungsvermögen die Vorzüge einer höheren und helleren Bildung zu eigen machte, während die Männer in Lebensart, Auftreten und Gesinnung die Spuren der Absonderung und des Schachertums offenbar schwerer abstreifen konnten. Die Berliner Jüdinnen werden denn auch in der Schrift „Charakteristik von Berlin" 70) mit hohem Lobe bedacht; ja sie haben dem geistigen Leben 66) Ebda., S. 284. Das Pfand- und Leih-Reglement vom 13. März 1787 bestimmte für Christen und Juden gleichmäßig nur 6 Prozent. 66) So 1779, 1786. Vgl. auch (König) Annalen, S. 313 ff. Annalen, S. 298. 6S) Prov.-Arch. Brandenburg, I, 45, Nr. 417. <») Berlin im Jahre 1786 (1886). 70) Geiger, Vor 100 Jahren, S. 17. 2» 191