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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 189

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
Date
1930-10-01
Page
Seite 189 (sequence 15)
Language
German
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Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus entwickelt, der, technisch und kaufmännisch hervorragend ausgestaltet, nicht nur die ganze Monarchie versorgte, sondern auch großen Absatz nach auswärts und weiten Ruf erlangte. Ueber den Umfang der Unterntehmungen des Hauses Ephraim überhaupt unterrichtet dessen Immediatbericht an den König vom 26. Dezember 176457). Ephraim und Söhne stellen darin vor, sie hätten mehr denn 400 000 Taler zur Vergrößerung des auswärtigen Debits der Gold- und Silber-Manufaktur angewendet; denn sie hätten mehrere Schiffe erkauft oder erbaut und mit Holz und anderen Waren von Stettin nach Frankreich gesandt, auch Porzellan, Tressen und Malinen bis nach Konstantinopel ausgeführt, dagegen rohe Seide u. a. eingeführt, ferner mehr denn 80 Seelen zum Drahtziehen und zu dem neuen (von Itzig angelegten) Silber-Affinierungswerk (der ersten Silberscheideanstalt im Lande, seit 1764 im Besitz Ephraims, am Molkenmarkt gelegen) auf ihre Kosten in das Land gezogen und für diese in Berlin und Potsdam Häuser für etwa 70 000 Rtl. erbaut. Sie ließen mehr denn 600 Waisen und arme Kinder in Berlin und Potsdam im Klöppeln sowohl von weißen Zwirnkanten, die sie (seit 1749) mit großem Schaden fabrizierten, als auch von goldenen und silbernen Touren und Spitzen unterrichten. Sie erinnerten aber auch an bedeutende gemeinnützige Verdienste: daß sie bei der Belagerung Kolbergs zwei Schiffe mit Lebensmitteln dahin gesandt, wofür sie noch keine Bezahlung erhalten hätten, daß sie Getreide für die Armee und die Berliner Hospitäler geliefert und eine „direkte Committirung von Materialwaren, um das Publikum zu soulagiren" (aus Hamburg) unternommen hätten. Ueber diesen Materialwarenhandel der Ephraims ist nur so viel bekannt, daß sie sich dafür ein besonderes Privileg erwirkt haben, doch trieben sie ihn, wie ihr Vertreter Joseph Abraham gelegentlich einer Beschwerde der Gildekaufleute am 30. Juni 1796 protokollarisch angab, „seit 20 Jahren" nicht mehr58). Ein Sohn Ephraims, Benjamin Veitel, hat übrigens seit 1772 auch eine bedeutende Rolle bei den vom König unternommenen Salzlieferungsgeschäften nach Polen gespielt, allerdings nicht zur Zufriedenheit des Königs59). Derselbe Benjamin übernahm 1789 durch Kontrakt mit dem Gouvernement die Belieferung der Berliner Magazine mit polnischem Roggen; das Geschäft kam jedoch nicht zur Ausführung und gab Anlaß zu einem Prozeß Ephraims gegen den Fiskus, der im Dezember 1796 durch Vergleich beendigt wurde60). Daniel Itzig kaufte die staatliche Eisenhütte und Blechfabrik zu Sorge im Harz für 70000 Tlr. und übernahm 1772 die kurz vorher vom König angelegte Fabrik von englischem Leder in Potsdam, die nachmals durch königliche, Schenkung in den erblichen Besitz seiner Familie übergegangen ist. Der dritte» der Münzpächter, Moses Isaak, legte 1765 eine Seidenfabrik in Potsdam an. Ueberhaupt beteiligten sich Juden jetzt stark an der Seidenfabrikation, allerdings nicht immer mit Glück61); am bedeutendsten waren die Unternehmungen von Israel Marcus (seit 1777), der es 1784 bis auf 170 Stühle brachte; doch ist auch diese Firma 1804 zusammengebrochen. Die Zwirnfabrikation ist (seit 1777) von Juden hier eingeführt worden, desgleichen die Fabrikation von Mousselinen durch Ephraim und Jacob Borchard im Jahre 1778, die von Frisoletbändern durch Abraham Friedländer 1780, die von französischen Parfümerien durch Jacob Gereon, genannt Bleichröder, im Jahre 1796. Der König hat die Juden auch sonst verschiedentlich für die Zwecke seiner Manufakturpolitik zwangsweise herangezogen. Mehrfach hat er sie genötigt, unverkäuflich bleibende Vorräte von Fabrikwaren zu übernehmen und unter sich zu repartieren, mit dem Vorgeben, daß 5') Rep. 96 422 Fl. 58) Prov.-Arch. Brandenburg 2, II. Rep., Fach 52, Nr. 246. 5*>) Acta Bor., Handelsusw. Politik, III. 60) R 9 AI Fase. 25. 61) Das Nähere darüber in Acta Bor., Seiden-Industrie, Bd. II. Vgl. auch das Verzeichnis bei Geiger, II, S. 93. 189

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