Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 188 (sequence 14)
- Language
- German
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Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus ihnen bei der Erteilung von Privilegien, Benefizien, Vorschüssen, der Schenkung von Fabrik- und Arbeiterhäusern oder baren Geldes. Man kann nicht sagen, daß sich die Juden auf diesem Gebiet besonders überlegen und erfolgreich betätigt hätten; nur wenige ihrer Unternehmungen (Ephraim, Wulff) gelangten zu größerer Bedeutung, mehrere sind gescheitert. Die Arbeit der Juden auf diesem Gebiete ist dennoch beachtenswert, weil sie hier zuerst zur Gleichberechtigung gelangten und sich dadurch eine praktische Möglichkeit eröffneten, sich mit dem Lande, in dem sie bislang als Fremdlinge weilten, innerlich zu verbinden. Zu Beginn der Regierung Friedrichs II. gab es nur ein jüdisches Fabrikunternehmen, die schon erwähnte Samt- und Plüschfabrik des David Hirsch in Potsdam, allerdings das bedeutendste private Unternehmen jener Zeit; denn es beschäftigte mehr Stühle, als die derzeitigen Berliner Seidenmanufakturen insgesamt zählten. Ihm folgten in der Seidenfabrikation Moses Ries, Schwiegersohn Ephraims, der 1748 in Potsdam, dann auch in Berlin begann, und Isaak Bernhard, der seit 1752 gleichfalls in Potsdam und Berlin fabrizierte und in Moses Mendelssohn nachmals einen Teilhaber, dann den Fortsetzer seines Unternehmens gefunden hat. Baruch Aaron ließ seit 1748 in Potsdam Seidenbänder fabrizieren. Benjamin W u 1 f f, ein Enkel des bekannten Dessauer Hofjuden Moses Benjamin Wulff (gestorben 1729), seit 1733 in Berlin ansässig, hat im Jahre 1751 auf einem großen, vom König geschenkten Grundstück im Tiergarten eine Parchent- und Kattunfabrik angelegt, die nach seinem Tode (1756) von seinem Sohn Isaak Benjamin (gestorben 1802) fortgeführt wurde. Dieser hat auch eine Kattundruckerei angelegt (1757), dann noch eine Baumwollstrumpffabrik neben der Kattunfabrik im Tiergarten, er ging 1774 auch zur Seidenfabrikation über, die er in Berlin und Potsdam, zeitweise auch in Bernau betrieb, und war somit gegen Ende der Regierung Friedrichs II. der größte hiesige Fabrikant mit über 100 Baumwoll- und 70 Seidenstühlen. Außerdem hatte er mit dem verschwägerten 11 z i g zusammen seit dem Jahre 1772 den Oktroi der Berliner Brennholzlieferung in Pacht. Mit seiner Senden- und Samtfabrikation hatte er nicht sonderlichen Erfolg und mußte bei einer Absatzkrise im Jahre 1783 durch den König unter harten Drohungen genötigt werden, sie überhaupt fortzusetzen56); die Baumwollfabriken sind bald nach seinem Tode (Januar 1802) von den Erben verkauft worden (1807). Alle genannten Fabrikanten haben vom König Häuser für Seidenarbeiter oder Bleichplätze nebst Baumaterialien geschenkt erhalten, Hirsch und Bernhard auch bare Geldsummen. Andere Vorkriegsunternehmen waren: die Spitzenklöppelei von Veitel Ephraim, anfangs mit Gumpertz zusammen, und die Stickerei und Ausnäherei von Isaak JoSl, beide 1749 beim Potsdamer Militär-Waisenhause angelegt, sowie eine Manufaktur von hänfenen und gemischten Zeugen, die der Rabbiner Michael Hirsch 1779 in Potsdam gründete. JoSl hat 1753 auch eine Stepp- und Schattier- und 1763 eine gutgehende Tapetenfabrik in dem ihm überwiesenen Schlosse zu Klein-GIienicke angelegt Eine Birkenölfabrik von Mendel in Berlin, 1759, und eine Nähnadelfabrik von Veitel Wolf in Potsdam, 1759, haben sich nicht lange gehalten. Nach dem Kriege wurden vor allem die reich gewordenen vormaligen Münzpächter genötigt, ihre Konjunkturgewinne zum Teil in Fabriken anzulegen. Veitel Ephraim mit seinen Söhnen entschied sich dafür, die dem Potsdamer Waisenhause gehörige Gold- und Silbermanufaktur in Berlin zunächst in Erbpacht zu übernehmen. Er hat dieses große, aber schon lange wenig geschickt geführte Unternehmen in wahrhaft großzügiger Weise erweitert und gehoben und es zu dem bedeutendsten Fabrikbetriebe der Hauptstadt 56) Acta Bor., Seiden-Industrie, II, S. 367. 188