Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 187 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259286-2260542--3043-2260607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus so verfänglichen Geschäft unangefochten hervorgingen, als mit dem Ende des Krieges die Pacht aufgehoben wurde. Denn die verhängnisvolle Münzverschlechterung, mit der ihr Andenken verbunden ist, war eine durch die Umstände gebotene staatliche Finanzoperation, für die sie nicht die Verantwortung tragen. Die Generalpächter waren bloße Münzlieferanten und hatten auf die gelieferten Metalle nicht mehr als 8 Prozent Gewinn64), während die riesigen Vorteile aus der Ausmünzung natürlich dem Staate, der Kriegskasse, zuflössen. Jene konnten sich besondere Vorteile nur durch die Einwechselung verschaffen; sicherlich waren ihre Valutagewinne sehr bedeutend. Von dem dritten der „Münz-Entrepreneure", Isaak Moses, wissen wir jedenfalls aus dem nach seinem Tode entstehenden Erbstreitigkeiten, daß er seinen sechs Kindern ein Vermögen von 516000 Tal er hinterlassen hat. Seine beide Genossen waren zweifellos noch viel reicher. Der König hat in der Folge die Silberlieferung für den Münzbedarf auf seine Weise geregelt, und der jüdische Geldhandel war auf private Geschäfte beschränkt. Erst um die Jahrhundertwende hat der Bankier Liepmann Meyer Wulff wieder die Lieferungen für die Münze erhalten und eine ähnlich große Stellung wie die Ephraim und Itzig eingenommen. Viel früher als mit den „Münzjuden" hat es mit den „Hofjuden" ein Ende genommen: bereits unter Friedrich Wilhelm I. ist das 1712 gegründete christliche Handelshaus von Splitgerber und Daum an deren Stelle gerückt und hat vornehmlich die Lieferungen, namentlich an Heereswaffen und Munition, sowie die Geldgeschäfte für den Hof besorgt. Sehr bedeutend wurde unter der Regierung Friedrichs IL die Betätigung der Juden in der Fabrikation. Dieses Feld lag ihnen, die fast ausschließlich auf den Handel gerichtet waren, an sich nicht sonderlich, und sie haben sich ihm keineswegs immer freiwillig und um der Sache selbst willen zugewendet, sondern wurden öfters durch sonstige Umstände oder gar durch Zwang dazu bewogen. Denn Friedrich II. wollte neue Schutzprivilegien nur an solche geben, die Fabriken anlegten (1750, 1757) **), und hat besonders nach dem siebenjährigen Kriege unmittelbar gefordert, daß die Juden einen beträchtlichen Teil des erworbenen Reichtums in Manufakturen anlegten. Hierbei wurde ihnen auch nicht ganz freie Wahl gelassen. Das große Gebiet der Wollenfabrikation, dann (1750) auch das der Tabakfabrikation war ihnen schon verschlossen, in manchen Fällen wurde vorgeschrieben, welche Manufaktur anzulegen oder zu übernehmen sei. Auch in örtlicher Hinsicht wurde Druck ausgeübt, und Berliner Juden wurden namentüch oft angehalten, in Potsdam zu fabrizieren. Sonst aber wurden die jüdischen Fabrikanten den christlichen gleich behandelt und der König machte keinen Unterschied zwischen 5*) So nach Zimmermann, Fragmente über Friedrich den Großen. Leipzig 1790, S. 114. 55) Nach Ordre vom 1. November 1763 sollte auch für ein Privileg zur Ansetzung eines zweiten Kindes jedesmal eine Fabrik angelegt werden. (König) Annalen, S. 294. — Uebrigens wurden die Gebühr für ein Berliner Schutzprivileg 1764 auf 1000 Taler und die Schutzgelder der gesamten Judenschaft 1765 von 15 000 auf 25 000 Taler jährlich erhöht. (Ebda., S. 297.) 187