Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 184 (sequence 10)
- Language
- German
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Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus der Regierungswechsel ihrem großen Einfluß ein jähes Ende machte*3). Neben den Liebmanns treten die Gumperts aus Kleve als Hof-, Kriegs- und Münzlieferanten unter vier Herrschern hervor; Moses Levin Gumperts wurde 1713 „Ober-Hof- und Kriegsfaktor" und erhielt nebst seinem Vetter Elias 1719 das Tabakmonopol, 1723 die Münzprägung. Auch die aus Wien stammenden Veit spielen in mehreren Generationen (1684—1721) eine Rolle, Levin Veit (gestorben 1721) hat fast den ganzen Silberhandel zeitweise an sich gebracht. Weiterhin traten die Fränkel aus Wien, die Fürst aus Hamburg und manche andern im Edelmetallhandel und Münzgeschäft hervor**). Auf gewerblichem Gebiete sind ursprünglich nur die mit dem Edelmetallgeschäft zusammenhängenden Zweige der Graveurkunst und der Gold- und Silberstickerei von einzelnen Juden betrieben worden, und zwar als Handfertigkeit, nicht in größerem Stile. Die ersten gewerblichen Unternehmer tauchen unter Friedrich Wilhelm I. auf; es waren Levi und Moses Ulff, Vater und Sohn, die seit 1718 in Charlottenburg einige Mühlenstühle zur Seidenbandfabrikation unterhielten45), die ersten derartigen Bandmaschinen, die hier zu Lande zur Anwendung kamen, da die Posamentiere sich ihnen heftig widersetzten. Das Unternehmen jener ist jedoch immer nur ganz klein geblieben. Weiter brachte es David Hirsch, anscheinend aus Prag, der etwa seit dem Jahre 1720 einige Wollenzeugweber hier verlegte, auch den Verlag des Spandauer Arbeits- und Zuchthauses erhielt und damit sogar fortfahren konnte, als den Juden die Wollfabrikation untersagt worden war. Schon vorher (1730/31) hat Hirsch eine Samt- und Plüschfabrik in Potsdam, die erste im Lande, auf eigene Kosten angelegt und sie schon 1739 auf über 100 Stühle gebracht; er hat danach auch eine Seidenzeugmanufaktur in Verbindung damit angelegt. Hirsch war damit einer der ersten Privatleute, die es gewagt haben, ein größeres Unternehmen zu gründen. Er hat es zu gutem Gedeihen gebracht, genoß daher die Gunst der Herrscher und wurde mit mehreren Häusern sowie einigen Schutzprivilegien zum Ansetzen anderer Judenfamilien beschenkt. Es gab auch andere Mittel, sich Gunst und Vorteile zu verschaffen. So hat Meyer Ries sich durch Werbung und Häuserbau so verdient gemacht, daß er zum „Garnison- und Hofagent" erhoben wurde und 1734 und 1735 nicht weniger als 11 Schutzprivilegien erhielt; solche vergab Friedrich Wilhelm I. auch in anderen Fällen an Stelle von Gelddotationen, da sie an Anwärter zu» ansehnlichen Preisen verkauft werden konnten*6). Natürlich widersprach solche fiskalische Praxis den vielfachen die Zahl der Juden beschränkenden Verfügungen, und so soll es nach einer Aufnahme, die 1743 vom Generalfiskal veranstaltet wurde, nicht weniger als 333 Judenfamilien mit 1945 Köpfen hier gegeben haben*7). Ihr Anteil am Wirtschaftsleben und ihr Wohlstand hat wohl in noch stärkerem Verhältnis zugenommen, dagegen standen sie kulturell und sozial noch durchaus abseits, fremd und mißachtet. So wollten die Kaufmannsgilden, als 1738 eine Börse hier eingerichtet werden sollte, die Juden nur in der Weise dabei zulassen, daß sie sich auf einem ihnen ange- *s) Acta Bor., Münzpolitik, I, S. 104 ff. **) Ebda., I, S. 114; II, S. 108 A. **) Prov.-Arch. Brandenburg, Rep. 2, Berlin 1, Fach 40, Nr. 81. Schon 1713 hat der bekannte Dessausche Hofjude Elias Moses Wulff Vorschläge zur Anrichtung einer großen Tuchmanufaktur hier eingereicht (Rep. 9 JJ 1 II). *6) Vgl. Geiger, II, S. 77. *7) Gerade unter Friedrich Wilhelm I. starke Vermehrung: 1717: 120, 1737 : 234 Schutzfamilien. 1750 gab es 266 einschließlich 63 „außerordentlicher", d. h. nur für ihre Lebenszeit angesetzter Schutzjuden. Die Vermehrung in Berlin war viel stärker als in der Provinz; denn 1700 gab es in Berlin 70 vergleitete, 47 unvergleitete, in der übrigen Kurmark 82 bzw. 49 Judenfamilien, dagegen 1801: 334 gegen 220 Familien. Schon 1750 in Berlin 2188, in der Provinz 1685 Juden. Vgl. (König) Annalen, S. 279 f.; Geiger, I, S. 73 f. 184