Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 3 (Oktober 1930)
- Article
- Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 183 (sequence 9)
- Language
- German
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Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus Es sind in der Tat einige 100 Juden — die Zahlenangaben schwanken — aus Berlin abgeschoben worden, und zwar nur arme und unvergleitete. Dagegen ist die Zahl der steuerbaren Gemeindemitglieder sogar noch gestiegen — 1733: 257, 1739 : 262 — und es gab nach 1737 in Berlin nur noch 10 Juden, die unter 1000 Taler besaßen38). Der harte Eingriff des Königs hatte demnach für die Berliner Gemeinde günstige Folgen und hat sie von bedenklichen und lästigen Elementen befreit. Im übrigen bekundeten die Berliner Kaufleute 1743, daß die den Juden auferlegte Einschränkungen gar nicht durchgeführt worden seien39). Ueber die beruflichen Verhältnisse haben wir aus jener Zeit nach der teilweisen Ausweisung eine erste Statistik40). Danach betrieben die typisch jüdischen und einwandfrei zugelassenen Geschäfte 18 Geldwechsler, 5 Goldscheider und Münzlieferanten, 7 Pfandleiher, 10 Kleider¬ und 2 Pferdehändler; im übrigen handelten 28 mit allerlei Kram-, Galanterie- und Materialwaren, 14 mit Seiden-, 10 mit Tuch- und Wollwaren, 2 mit Leinen, 3 mit Leder, 6 mit Juwelen, Silber und Uhren. Außerdem gab es 2 Kommissionäre, 1 Makler, 1 Hoffaktor (Moses Levi Gumpertz). Gewerblich tätig waren 5 Sticker, 1 Samtfabrikant (David Hirsch), 1 Buchdrucker. 32 Juden waren Hausbesitzer. Danach überwog im Warenhandel der mit Textil- und anderen zur Bekleidung dienenden Waren. Dagegen tritt der mit Metallen hier nicht hervor, während die Innungen schon 1673 klagten, daß die Juden diesen ganz an sich gerissen hätten41). Sonst waren die Juden auch im Handel mit Wolle und Getreide sehr stark, aber der Wollhandel ist ihnen, wie erwähnt, entzogen worden, und das Berliner Getreidegeschäft ist von den Bäckern und Brennern einerseits, der Magazinverwaltung anderseits unmittelbar betrieben worden. Im ganzen war der jüdische Warenhandel um 1700 schon so bedeutend, daß der aus ihm erzielte Akziseertrag höher war als der von der christlichen Kaufmannschaft entrichtete42). Am stärksten waren die Juden im Handel mit Gold, Silber, Juwelen und allen Geldgeschäften vertreten. Auf diesem Gebiete, das viel Geduld, Wagemut und eingehende Spezialkenntnisse erforderte, waren sie durch jahrhundertelange Tradition und ihre weitreichenden internationalen Beziehungen unübertroffen, auf ihm, das großes Risiko, aber auch gewaltige Gewinnmöglichkeiten in sich barg, haben sie sich zu Reichtum und Ansehen emporgearbeitet Jost Liebmann ist als Münzjude, Geldwechsler und Juwelenhändler der zweifellos reichste Mann in Berlin geworden, der Kurfürst schuldete ihm bis 1698 nahezu 209 000 Taler, die hauptsächlich in der Weise abgezahlt wurden, daß man ihm die Prägung großer Massen von Scheidemünzen übertrug und ihm den „Schlagschatz" davon überließ. Nach seinem Tode (Januar 1702) hat seine Witwe Esther, geborene Schulhoff, die Geschäfte mit dem Hofe, die Juwelenlieferungen und Münzprägungen in gleicher Weise fortgesetzt, bis 3») Geiger, I, S. 43. sä) Gen.-Dir. Kurmark, 1151 5 I. 40) Protokoll der Judenkommission vom 1. Juni 1737. (Geiger, II, 76.) «) Stern, II Nr. 27. Vgl. Angaben bei Stern, I, S. 126. 183