Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-10-01 · Heft 3 (Oktober 1930) · p. Seite 181

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 3 (Oktober 1930)
Article
Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus
Date
1930-10-01
Page
Seite 181 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2259275-2259282-2259286-2260542--3037-2260601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hugo Rachel. Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus schmiede hin, daß der starke jüdische Handel sie an den Bettelstab bringe. Sie sahen sich auch allerlei weiteren nachteiligen Bestimmungen ausgesetzt Es wurde ihnen verboten, Grundstücke zu erwerben und die in ihrem Besitz^ befindlichen anders als an leibliche Kinder zu vererben 23). Die Höhe der zulässigen Zinsen für Darlehen wurde allmählich heruntergedrückt, die Schutzgelder wurden erhöht und der ganzen Gemeinde solidarisch auferlegt, die Zahl der zugelassenen Schutzfamilien wurde wiederholt herabgesetzt und die Erteilung neuer Schutzprivilegien von hohen Zahlungen und dem Nachweis bestimmten Vermögens abhängig gemacht24). Die Berliner Juden wurden ferner einem Reglement vom 7. Dezember 1700 unterworfen, das ebenso wie die 1708 eingesetzte beständige Judenkommission24) als demütigend empfunden wurde. Es wäre zu weitläufig, diese zudem außerordentlich wechselnde Judengesetzgebung im einzelnen zu verfolgen; auf jeden Fall haben die Juden auch dabei sich nicht kampflos gefügt, sie haben manches Ungünstige mit Geldopfern abwenden können, anderes wurde nicht befolgt oder umgangen. So konnten die Berliner Juden auch die Befreiung von dem erniedrigenden Leibzoll bei Reisen, die ihnen 1671 ohne weiteres zugestanden, aber im Januar 1700 aufgehoben worden war, noch in demselben Jahre für 200 Taler zurückkaufen26). Von Friedrich Wilhelm I. erlangten sie, daß das Reglement von 1700 aufgehoben und das Privileg von 1671 wiederhergestellt, auch daß ihnen das Tragen eines besonderen Abzeichens erlassen wurde; allerdings kostete sie dies 8000 Taler27). Auch das Kaufen und Bauen von Häusern wurde unter gewissen Bedingungen wieder gestattet, ferner aller Handel und der Betrieb von Handwerken, die nicht zünftig gesperrt waren. Die Berliner Kaufleute gerieten über diese Zugeständnisse, vor allem das des unbeschränkten Handels, in begreifliche Aufregung. Für die Juden aber schien mit dem Beginn dieser Regierung, dem Bau der Synagoge (1712—14) und der Erneuerung des wohlwollenden Aufnahmeedikts (1714) eine bessere und ruhigere Zeit gekommen, nachdem die vorhergehende Regierung nicht nur viel äußere Bedrängnis und Ausbeutung gebracht hatte, sondern auch von heftigen inneren Streitigkeiten erfüllt gewesen war. Indessen hat Friedrich Wilhelm L seine anfänglich wohlwollende Haltung mit der Zeit erheblich geändert und sich zu einer sehr feindlichen Stimmung und einem entsprechend scharfen Vorgehen gegen die Juden bewegen lassen. Einzelne Verfehlungen, die sicher vorgelegen haben, mögen den Anlaß zu empfindlichen Maßnahmen gegen die Allgemeinheit gegeben haben. Jedenfalls hat der König den Juden 1727 alles Wollekaufen verboten, weil sie die Wollausfuhrverbote hintergingen28); er hat nicht nur angeordnet, daß alle unvergleitete Juden aus dem Lande gejagt werden sollten (1724), sondern auch, daß die Juden überhaupt aussterben und keine neuen Schutzbriefe mehr 2S) Zuerst 24. September 1697, Deklarationen dazu vom 13. Februar 1699 und 7. Dezember 1700. Mylius, V, V, III, Nr. 8, 9, 12. 2*) 1700, 1708, 1714. Mylius, V, V, III, Nr. 8, 10, 12, 32. 25) Mylius, II, I Nr. 117. 26) Nach (König) Annalen, S. 104, haben sie schon 1684 den Leibzoll gegen 400 Taler abgekauft. 27) Edikt vom 20. Mai 1714. Mylius, V, V, III Nr. 31. 28) Mylius, V, V, III Nr. 48. 181

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.