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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-01-01 · Heft 2 · p. Seite 124

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 2
Article
Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
Date
1930-01-01
Page
Seite 124 (sequence 24)
Language
German
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Alexander Pinthus. Studien über die bauliche Entwicklung: der Judensassen in den deutschen Städten. Markte überall da zum Ausdruck, wo eine unbehinderte Ansiedlung möglich war. Im Zusammenhang mit der Handelstätigkeit der Juden steht auch die Nachbarschaft der Judengasse zum Rathause. Denn die ursprüngliche Bedeutung des Rathauses ist nicht die des Sitzes der städtischen Verwaltung, sondern die eines Kaufhauses und des Ortes der Marktgerichtsbarkeit. Daß etwa die Juden der besseren Ueberwachung wegen in der Nähe des Rathauses angesiedelt worden wären — eine Ansicht, die mir gelegentlich begegnete —, ist schon deswegen ausgeschlossen, weil die Rathäuser vielfach erst später als die Judengassen (Köln), z.T. erst nach ihrer Aufhebung entstanden (Braunschweig, Andernach). Ob andererseits in der Errichtung der Rathäuser in der Judengasse oder in ihrer Nachbarschaft eine besondere Wertschätzung der Juden zu sehen ist, darf man bezweifeln, vielmehr wird man, wie in Köln, meist die Gelegenheit, einen Bauplatz in günstiger Lage zu finden, wahrgenommen haben28). Die Lage der Judensiedlung zum Stadtganzen ist natürlich in erster Linie abhängig von der Entstehungszeit der jüdischen Niederlassung. Denn nicht nur die im XV. Jahrhundert erbauten Ghetti liegen außerhalb der damals bestehenden Städte, sondern auch viel früher angelegte Judensiedlungen, die mit dem Stadtkern vollständig verwachsen sind, entstanden an der derzeitigen Grenze der Bebauung. Nur wo die Juden am Anfang der Stadtentwicklung zur Stelle waren, konnten sie naturgemäß am Ausgangspunkt der Bebauung Platz finden (Landshut, Koblenz, Würzburg). So erklärt sich die eigenartig zentrale Lage der Judengasse in Nördlingen mit dem nach einem Brande im Jahre 1263 erfolgten Neuaufbau der Stadt an dem jetzigen Platze. Damals bot sich die Möglichkeit, sich im Zentrum der Neusiedlung niederzulassen29). Auch bei dem Neuaufbau von Mannheim errichteten die Juden ihre Häuser im Stadtzentrum, wurden freilich von der Konkurrenz später wieder herausgedrängt. Wo die zweiten Niederlassungen im Stadtinnern lagen, hatte dies seine Ursache darin, daß zerstörte Stadtviertel des Wiederaufbaus harrten. Die Lage der Judengassen im Stadtzentrum ist daher meist als Zeichen hohen Alters anzusehen. Die Kenntnis ihrer Lage und Entstehungszeit kann somit für die Geschichte der Stadt und ihrer Wirtschaftsentwicklung von großem Wert sein. Für die historische Topographie wichtig ist auch die Lage der jüdischen Friedhöfe, die stets außerhalb der Stadt angelegt werden. Wo wir ihnen innerhalb der Bebauungszone begegnen, haben wir also immer ein Gebiet späterer Stadterweiterung vor uns. Für unsere Untersuchung kommt es aber weniger auf die Distanz von der Stadtmitte an als auf die Beziehung zu den Wirtschaftszentren. Während bei den Niederlassungen des XII. und XIII. Jahrhunderts die enge Verknüpfung mit den Hauptverkehrsstraßen zu beobachten ist, lagen die *») Keußen: „Topogr.", S. 68. ») C. Beyschlag: „Gesch. d. Stadt Nördlingen", S. 7, Kaufhaus 1307 erbaut, als Rathaus seit 1519 benutzt. 124

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