Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in den deutschen Städten
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 25)
- Language
- German
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Alexander Prataus. Studien über die bauliche Entwicklung: der Judensassen in den deutschen Städten. Judengassen in allen Orten, in denen sie nach den Vertreibungen des XIV. Jahrhunderts entstanden oder von Amts wegen angelegt wurden, nicht nur an der Stadtgrenze oder gar außerhalb der Stadt, sondern vor allem außer Zusammenhang mit den Verkehrs- und Handelsplatzen, auf einem gerade verfügbaren Terrain (Nürnberg, Mainz, Halberstadt, Frankfurt a. Main, Wien). Hierin zeigt sich zunächst die berufliche Verschiebung vom Waren- und Geldhändler zum Pfandleiher und Trödler, für den es genügte, überhaupt in der Stadt zu wohnen oder auch nur Handelserlaubnis zu haben. Sodann äußert sich darin die Beschränkung bezw. Aufhebung des Grunderwerbsrechts. Da endlich bis in die Neuzeit hinein, im Gegensatz zu der heutigen Bevorzugung der Außengebiete, das Stadtzentrum von den sozial Bestgestellten bewohnt war, dokumentiert sich in dem Herausdrängen der Juden aus dem Stadtinnern zur Peripherie die Aenderung ihrer sozialen Stellung. So wies man den Juden im XV. und XVI. Jahrhundert Plätze an der Mauer oder draußen am Graben an (Frankfurt a. Main), an Stellen, wo sonst fahrendes Volk wohnte (Berlin Reichenbach, Genf), oder an Plätzen, die von der Bevölkerung mißachtet waren (Hannover: die wüste Stelle der einstigen Burg Lauenrode). Man würde aber fehlgehen, in der so häufig beobachteten Lage der jüdischen Siedlungen an der Stadtperipherie allgemein solche späten, erzwungenen oder geduldeten Niederlassungen sehen zu wollen. Wo weltliche oder kirchliche Grundherren Juden zur Hebung des Wirtschaftslebens heranzogen, stellten sie diesen auch Siedlungsland auf ihrem, meist in der Nähe ihres Sitzes gelegenen Terrain zur Verfügung. In der Frühzeit städtischer Entwicklung lagen diese Klöster und Höfe an der Hauptlandstraße. Diese Vorteile der günstigen Verkehrslage genossen sowohl die Niederlassungen auf kirchlichem Grunde in Frankfurt a. Main, Hannover, Koblenz wie die an die Pfalz in Aachen oder an die Burg in Landshut angelehnten Judengassen. Lag in den bei den Burgen gegründeten Städten der Markt aber nicht zu Füßen der Burg, sondern im Mittelpunkte der Stadt, so bedeutete die Ansiedlung im Schutze der Burg unter Umständen den Verzicht auf eine günstige Handelslage. Sie wurde sicher nur gewählt, wo der persönliche Schutz oder die Abhängigkeit vom Schloßherrn ausschlaggebend war. Diese Beobachtung können wir bei den um das Schloß liegenden Judenhäusern des Ostens (Liegnitz, Glogau, Lemberg, Lublin, Preßburg) machen, während bei den frühzeitigen Ansiedlungen in den bei Burgen entstandenen Marktorten des Westens diese Anlehnung an die Burg unter Trennung vom Marktverkehr nicht zu bemerken ist. Es sei denn, daß die Judensiedlung schon vor Gründung des privilegierten „neuen" Marktes entstanden ist, zu einer Zeit, als der Platz vor der Burg noch für den Handelsverkehr genügte (Lüneburg). Wo zwei Judensiedlungen gleichzeitig bestanden, scheint die dem« Grundherrn räumlich nähere auch die rechtlich abhängigere gewesen zu sein. Zwei Judenquartiere in einer Stadt kamen auch vor, wenn 125