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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-01-01 · Heft 2 · p. Seite 99

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 2
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-01-01
Page
Seite 99 (sequence 13)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. schwersten sozialen Entladungen des ganzen Mittelalters in dieser Zeit stattfanden, in der der Lebensraum des Einzelnen in den Städten Europas sich vielfach unerträglich verengerte2S). Die Judenaustreibungen jener Zeit sind nur ein Kapitel dieses Geschichtsablaufs. Man wird sich nicht wundern, daß dieser doktrinäre Geist keine Beobachtungen anstellen kann über die Wandlungen, die soziale Typen innerhalb der Geschichte durchgemacht haben, so die Wandlung der Juden vom Bauernzum Stadtvolk im Altertum und die Ansätze, die sich bei der heutigen Judenheit mit dem Ziel der Ueberr windung der exzessiven Stadtkultur zeigen. So hätte man erwarten müssen, daß Belloc die in dieser Richtung gehenden zionistischen Versuche anerkannt hätte; wenn er sie gleichwohl ablehnt, so geschieht das entgegen seiner eigenen sozialpolitischen Auffassung aus Furcht vor einer zu weitgehenden Inanspruchnahme der englischen Politik (S. 167). Das vielfache Hineinspielen höchst irdischer Gesichtspunkte bei gleichzeitigem Mangel an Tatsachenbeobachtung vermindert die Ueberzeugungskraft der Bellocschen Sozialprophetie mit Einschluß ihrer Excurse ins Jüdische im höchsten Grade. So ist denn auch die Lösung des jüdischen Problems, wie Belloc sie vorschlägt, weniger sachlich als persönlich begründet. Persönlich sympathisch, überdies moralisch unerläßlich, aber politisch nicht grundlegend ist die Forderung nach größerer Ehrlichkeit in den christlichjüdischen Beziehungen. Aber diese Forderung ist nicht mehr aktuell, nachdem die Spielerei mit dem „Israeliten- und Mosaistentum" mit vielen anderen Spielereien in der harten Schule des Krieges ein Ende gefunden hat. Aber das ist nur die ideologische Seite der Sache, und! das Reale — und zugleich die sachliche Schiefheit — begänne erst dann, wenn die von Belloc geforderte Absonderung der Juden in eine nationale Kurie in den einzelnen Ländern durchgeführt würde. Wenn man auch völlig absieht von dem „Wie", auf das es im Grunde allein ankommt, über das Belloc aber stillschweigend hinweggeht, so erheben sich die folgenden beiden Fragen: 1. Ist die Schaffung einer national-jüdischen Sonderorganisation für die Juden der europäischen Staaten eine sachlich-sinnreiche Lösung? 2. Wird durch eine solche Lösung der europäische kulturelle Gesamtstatus maßgeblich verändert oder wird wenigstens auf einem Teilgebiet — den christlich-jüdischen Beziehungen — eine sittlich und geschmacklich bessere Verfassung erreicht? Wir müssen es hier dabei bewenden lassen, unserem Zweifel in dieser Richtung Ausdruck zu geben, und die Darlegung einer sachlich besser begründeten Auffassung auf spätere Gelegenheit verschieben. Recht deutlich zeigt sich das Bedürfnis, das „jüdische Problem" geistig zu verarbeiten, auch in dem Buch von Theodor Lessing „Europa und Asien" (soeben in 5. Auflage, Leipzig 1930), aber ebenso deutlich auch die Notwendigkeit, das Problem, das nun einmal ein geschichtliches Problem ist, geschichtlich zu fundieren. 28) Vgl. etwa hinsichtlich der sozialen Verhältnisse K ö t z s c h k e, a. a. O., S. 561, hinsichtlich der Rechtsverhältnisse Schröder, Rechtsgeschichte, S. S56. Ueber die europäische Sklaverei im Spätmittelalter vgl. Langer im Programm des Bautzener Gymnasiums. 1901. 99

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