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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-01-01 · Heft 2 · p. Seite 98

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 2
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-01-01
Page
Seite 98 (sequence 12)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. Leibeigene wurden. Sie haben sich für die englischen Juden so ungünstig ausgewirkt, daß diese alsbald nach deren Verleihung wiederholt und nachdrücklich darum gebeten haben, insgesamt aus England auswandern zu dürfen (in den Jahren 1218 und 1254). Der König verbot aber die Auswanderung und überließ sie, nachdem er sie „geschunden" hatte, seinem Bruder Richard zum „Ausweiden"27). So hat ein zeitgenössischer nüchterner katholischer Chronist über die Tatsachen berichtet. Indessen begnügt sich Belloc nicht damit, den Sinn der Tatsachen ins völlige Gegenteil umzubiegen, sondern er fügt in völlig freier Erfindung die Nachricht hinzu, daß die Juden außerdem durchgesetzt hätten, daß Eduard I. für einen Teil ihrer Schuldner Bürgschaft leiste. Ist es nicht doch noch verantwortungsvoller, historische Tatsache von anderen Historikern „abzuschreiben", als sie nach 700 Jahren mit irregehender „Intuition" neu zu schaffen? Allerdings versucht Belloc auch sonst manchmal, an grundlegende historische Tatsachen anzuknüpfen. Aber diese Versuche bleiben in den Anfängen stecken. Kaum ist (S. 49) eine flüchtige Verbindung der Allgemeinbetrachtung mit dem antiken Antisemitismus hergestellt, so wird der unnütz geschlungene Faden abgerissen und ein neuer „allgemeiner" Anknüpfungspunkt gesucht. Das geschieht so, daß der Verfasser, statt die Erscheinung des antiken Antisemitismus nun wirklich zu betrachten, sehr richtig feststellt, daß das „schwierig" sei, und vorzieht, zur Betrachtung der „allgemeinen" Ursachen überzugehen (S. 50). Diese Technik des Ausweichens findet sich immer wieder, und daß djes Ausweichen in sehr geistreicher Weise geschieht, macht das Buch zu einer sehr verführerischen feuilletonischen, aber keineswegs zu einer wissenschaftlichen Leistung. Nahezu selbstverständlich ist, daß bei dem Verharren dieses geistreichen Mannes bei allgemeinen Vorstellungen viel Sinnreiches zu Tage tritt. So ist der Gedanke, daß die Juden die „Marketender" der wirtschaftlichen und geistigen Bewegungen gewesen seien, in gewissem Sinne richtig, und von diesem Gedanken aus hätten viele Tatsachen der neuzeitlich jüdischen Geschichte anders und richtiger beleuchtet werden können. Wenn man in der langen Reihe der anderen Werke Bellocs heimisch zu werden sucht, kann man eine Probe auf die Richtigkeit unserer Auffassung machen. Ueberall findet man den gleichen Elektizismus, die gleiche Romantik, die gleiche Mißachtung der Tatsachenwelt. Hinsichtlich jüdischer Zusammenhänge findet man in seiner breit angelegten „History of England" (London 1927) nur ein Minimum tatsächlicher Angaben, so daß man gerade erfährt, daß die Juden im Mittelalter in England gelebt, „gewuchert" und Vertreibungen erlitten haben, und dieses Tatsachenminimum ist mit einem Deutungsmaximum belastet, das notwendig falsch ist. Dasselbe Maximum zeigt sich in dem geistvollen Buch „Europe and the Faith" (London 1924), wo Belloc — für seine Einstellung zu den Juden bezeichnend — feststellt: „Europe is the Church and the Church is Europe". Das Ideal eines Staates ist der christlich-mittelalterliche Feudalstaat, der die Almende und den gemeinsamen Besitz der Zünfte offen gelassen hat und als „Distributivstaat" dem Sklavenstaate der Antike und der Industriesklaverei der Moderne gegenübersteht Den Höhepunkt dieser Entwicklung habe das Spätmittelalter gebracht. Im Schwung dieses Ideenflugs wird übersehen, daß gerade das Spätmittelalter in seinen sozialen Zuständen von den Zeitgenossen als schwer erträglich betrachtet wurde und daß die 27) Im Jahre 1255 geschah die Verpfändung der Juden an Richard von Cornwallis, den späteren deutschen König, „ut quos rex excoriaverat comes evisceraret. Tarnen comes pepercit considerans eorum paupertatem ignominiosam". — Math. Parisius, Chronica maior (MGH. SS. 28). 98

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