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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-01-01 · Heft 2 · p. Seite 100

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 2
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-01-01
Page
Seite 100 (sequence 14)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. Wenn Belloc dies — mit völlig unzulänglichen Mitteln und nichts weniger als eindeutig — versucht hat, wenn Passarge (siehe später) andererseits eine Fundierung durch geographische Realien anstrebt, so schaltet Lessing ganz souverän im Reich philosophischer Erwägungen. Wo er sich auf Realien zu stützen scheint, tut er es in wenig vertrauenerweckender Weise. Wozu hebräische Zitate, wenn sie falsch sind, und zwar so falsch, daß sie völlige Unkenntnis des Hebräischen verraten (S. 181)? Wozu altdeutsche Etymologien, deren Fragwürdigkeit (Seele aus See) in den nächstliegenden Wörterbüchern festzustellen gewesen wäre? Ob die viel zahlreicheren altpersischen u.a. Zitate richtiger sind, kann Rezensent nicht nachprüfen. Die hier zutage tretende Auffassung, daß die Realien nur als Ornamente und fragwürdige captatatio benevolentiae an den Leser gut sind, deutet schon darauf hin, in welchem Maße Lessing die eigene Gedankenfülle als hinreichendes Fundament seiner Darstellung betrachtet. Diese Methode, die sich in geistreicher Dialektik erschöpft, ist im eigentlichen Sinne sophistisch, wird allerdings heute vielfach falsch als „intuitiv" etikettiert. Echt sophistisch ist dabei vor allem die Skepsis gegenüber der eigenen Weisheit, und wie wenig persönlich-originell, wie wenig „intuitiv" das in Wirklichkeit ist, das zeigt deutlich die enge Verwandtschaft von Lessings „Untergang der Erde am Geist" (Untertitel des Buches) mit Passarges ausgesprochener und Bellocs unverhohlener Wissenschaftsfeindlichkeit. Mit den beiden genannten Autoren konstatiert aber Lessing zugleich die unverhältnismäßig große Beteiligung der Juden am „Geist" (S. 188) und müßte daher gleich ihnen — so sollte man nach dem Dreisatz schließen — in den Juden das Unglück Europas sehen. Aber nein: die Juden haben — nach Lessing — vielmehr „Gegengifte" entwickelt, die sie befähigen, die Führerschaft im Kampf gegen den Geist zu übernehmenJ Diese nicht vorauszusehende, sachlich unbegründete Wendung ins Positive geht völlig parallel den Belloc-Passargeschen Theorien, die ihrerseits die Erlösung aus den Gefahren des jüdischen Geistes vom Katholizismus bzw. dem asiatischen „Kraftherzen" erwarten. Es ist ein merkwürdiger Circulus — doppelt seltsam bei einem Philosophieprofessor —, in dieser Art mit dem eigenen Geist wechselseitig die Schädlichkeit des Geistes der anderen und schließlich die des Geistes überhaupt zu beweisen. Was für jene beiden christlichen Autoren der Geist des Judentums, das ist für den Juden Lessing der des Christentums, dem die Juden seit der Emanzipation verfallen seien mit der Folgej daß sie selbst verchristlicht und umgekehrt die „europäisch-amerikanischen Zentren" nichts anderes als „riesenhafte Ghettos" geworden seien. Man kann diese hübsche literarische Wortsetzung — darum handelt es sich, aber nicht um mehr — nur als eine Metapher nehmen, aber nicht, wie Lessing selbst, als einen wichtigen Stützpunkt in einer („so unwiderleglichen und einfachen"!, S. 190) Beantwortung der Judenfrage oder gar des sog. Problems „Europa-Asien". Das Buch ist an solchen dialektischen Spielereien überreich — so etwa: der Talmud als Dokument naturalistisch-mystischer Sinnesart — die heidnisch-naturalistische Religion der mittelalterlichen Juden (Beweis: Luthers Nebeneinanderstellung von Heiden und Juden!) — die Naturentfremdung der Juden seit der Emanzipation (vgl. Passarges Sartismus), dagegen die Ostjuden, die heute noch (gegenteilig Passarge) „Wald- und Feldgottheiten" besitzen (S. 187 ff.). Das ganze spielerische Kartenhaus würde — insoweit jüdische Zusammenhänge beteiligt sind — zusammenstürzen, wenn man sachliche statt sophistischer Maßstäbe anlegte. Sehr treffend preist die Zeitschrift „Junge Menschen" das Buch — der Verleger druckt die Aeußerung auf dem Umschlag ab — als ein „umfassendes, unparteiisches, also vollendetes Bild des Menschlichen, das sich in den letzten 5000 Jahren auf der Oberfläche der Ede abgespielt hat". Also kurz: bloß eine Dichtung? Ja, aber eine bedenklich listenreiche. (Ein weiterer Aufsatz folgt im nächsten Heft.) 100

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