Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 11)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. interessant. Deutlich schimmert diese Betrachtungsweise durch auch in zahlreichen kleinen Bemerkungen, so etwa in dem sehr bezeichnenden, in dieser Verallgemeinerung gar nicht erörterungsfähigen Apercu: „Die Argumentation des Juden ist nie konfus" (S. 58)23), und ferner in seiner entscheidenden — und doch nicht ausdeutenden — Bewertung von „Blut" und „Art": nachdem er auch den Juden die ihnen sonst oft bestrittenen Eigenschaften des Muts und der Freigebigkeit zuerkennt, den Vorwurf der Habsucht dagegen abweist, erklärt er die Mißdeutung der jüdischen Eigenschaften als eine Folge der anderen jüdischen „Art". Der Jude „ist im Verhältnis mehr freigebig als der Christ, aber in einer anderen Art". Ebenso bezüglich des Muts (S. 55) 24). Ganz in derselben Tonlage klingt das hohe Lied vom „Blut": „Man wird den (jüdischen) Kommunismus nicht in Menschen funktionieren lassen können, die noch des alten europäischen Blutes sich rühmen25), in den Nachkommen derer, die unsere Vergangenheit und deren Denkmale geschaffen haben (S. 128/29)". Aehnlich: daß der Mensch nur in seiner Volksgemeinschaft leben kann, haben die Christen „im Blute", dagegen ist das den Juden nur eine „gleichgültige Wahrheit" (S. 125). 3. Unzureichende Bewertung der historischen Tatsachen: Seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber der Welt der Tatsachen beweist Belloc dadurch, daß er kaum irgendwo Notiz von ihr nimmt und sie da, wo dies doch unumgänglich erscheint, mit größter Willkür behandelt. Beweise dafür "bietet das Buch fast überall, wo überhaupt Tatsachen erwähnt werden. So besitzen etwa, um greicn an das zuletzt angeführte Zitat '(S. 125) anzuknüpfen, "tiie Juden kein natürliches „Gemeinschaftsgefühl", aber — so S. 127 — es würden doch die bolschewistischen Juden das Heil ihrer jüdischen Gemeinschaft dem der russischen vorziehen. Vollkommen schief und unzulänglich sind die paar Worte, die über die Vertreibung der Juden aus England infolge ihres „Wuchers" — wahrlich ein bedeutsamer Punkt in dem ganzen Gedankenbau! — eher hinweggleiten, als sie darstellen (S. 150). Die Juden haben unter Heinrich III. und Eduard I. zwar Privilegien besessen, die nur dem unzureichend Orientierten ebenso ungeheuerlich vorkommen wie jene 50—80o/0 Wucherzinsen20), aber selbst bei nur oberflächlicher Kenntnis der Geschichtsliteratur einen völlig anderen Sinn gewinnen. Jene Privilegien waren die Gegenleistung, die den englischen Juden dafür zugestanden wurde, daß sie„regis", d. h. des Königs 23) Aehnlich „konfus": „Der Jude ist nie romantisch in Geldsachen" (S. 54). 24) Daß es eine „jüdische Art" gibt, die sich von englischer, deutscher usw. unterscheidet, soll nicht bestritten werden. Aber keinen Gegensatz kennen wir zwischen „europäischer" und jüdischer Art. Diese Artunterschiede wissenschaftlich zu fassen, ist bisher nicht gelungen. Sie als Maßstab in die Politik einzuführen, heißt der Willkür Tor und Tür öffnen und dieselben exklusiven Gesichtspunkte sanktionieren, deren Anwendung man den Juden der Vergangenheit als vermeintliche Aeußerung des „Christenhasses" so verübelt. {Passarge, Das Judentum, S. 337 u. a. m.) 25) Was ist „europäisches Blut"? Haben es die Nachkommen der Goten, Markomannen und Alanen, die in historischen Zeiten aus den Steppen Rußlands und Asiens nach dem Westen gezogen sind? Haben es die Ungarn und Tartaren, die ihnen erst im ersten nachchristlichen Jahrtausend gefolgt sind? Haben es die Juden weniger, die etwa ebenso lang in Europa siedeln und ebenso ursprünglich „asiatischen Blutes" sind? Wenn man schon in historischen Bezirken nach Erdteilen denken will, dann muß man die geographische Erkenntnis eines „Eurasien" hinnehmen. Vgl. darüber auch Passarge, Grundzüge der gesetzmäßigen Charakterentwicklung der Völker (Berlin 1925), SS. 156, 165. 26) Die 50 bis 80<yo sind nicht den Juden, sondern der Krone zugute gekommen. Die Juden selbst waren arm. S. Anm. 27. Ein Jude, der nicht zahlen konnte, bekam täglich einen Zahn ausgerissen. Wenn man diese Risikofaktoren bedenkt und den Zinsfuß von 100°/o berücksichtigt, den deutsche Großbanken in Inflationszeiten nehmen durften, so wird man das Urteil über den „Judenwucher" modifizieren müssen. 97