Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 10)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. eine neue Emanzipation vorzubereiten? Kann man ernsthaft glauben, in dieser einfachen Art kurzerhand das 19. Jahrhundert ausstreichen und genau den voremanzipatorischen Zustand wieder herstellen zu können und noch dazu unter Wahrung aller Anerkennung, ja christlichen Liebe gegenüber den Juden, wie sie der Verfasser immer wieder fordert? Gefühl und guter Wille mit erfolgloser Bemühung um klare politische Gedanken und völliger Vernachlässigung historischer Tatsachenkenntnis, das ist für dieses Romantikerbuch bezeichnend, und als Motor hinter dem ganzen stehen Abscheu und Furcht vor dem vermeintlich jüdischen Bolschewismus. Die einzelnen Positionen seien im folgenden an einigen Beispielen erwiesen: 1. Die Bolschewistenfurcht als der die richtige Tatsachenerkenntnis behindernde Motor: „Die Macht des einstigen russischen Kaiserreiches — die Juden haben sie erledigt" (S. 135). „Die Juden sind Schöpfer der ganzen (bolschewistischen) Bewegung" (S. 120)21), und zwar sind sie es geworden aus „Rassenrache" (S. 118) gegen das alte russische Regime, das sie unterdrückt hat. „Ohne Zweifel würden viele einzelne unter ihnen — d.h. den Bolschewisten — schließlich alle — das Heil Israels dem Heil aller Russen vorziehen" (S. 107). „Wir sollten nicht eine neue und spezielle Feindseligkeit gegen den Juden nähren wegen dessen, was er in Rußland getan hat, sondern . . . erklären, warum diese Revolution fast mit Notwendigkeit eine jüdisch« sein mußte, die Aufrichtigkeit der Juden, die sie leiteten, betonen, sie soweit wie möglich entschuldigen . . . Niemals wird man einen Kommunisten machen aus dem hochzivilisierten, zähen, intelligenten und humorhaften westlichen Europäer" (S. 128). Ebenso nachdrücklich wie gegen den „jüdischen" Bolschewismus wird der Abscheu ausgesprochen gegen andere „spezielle jüdische Institutionen wie die Freimaurerei" (S. 155) 22). 2. Die romantische Gesamthaltung: Der katastrophale Mangel an ernstlicher Bewertung der Tatsachen ist kein Zufall, sondern in der Minderschätzung nüchterner Betrachtungsweise begründet. „Da Historiker davon leben, daß sie einander abschreiben, wurde die Legende (d. h. die Betrachtung der jüdischen Geschichte aus liberalem Standpunkt) in jeder Schule angeführt" (S. 156). So ausgesprochen, ist das offenkundig unrichtig, und in dieser überhitzten, offenbar von stärkstem Ressentiment getragenen Verallgemeinerung sind die größten Mängel des Buches in nuce enthalten. Da ist nirgends ein Gedanke zureichend begründet, nirgends einer sinnvoll zu Ende geführt, alles hingegen mit Temperament hingeworfen, manches davon höchst originell und 21) Besonnener schreibt dagegen im Nachwort der Uebersetzer Theodor Haecker: „Der Jude reitet auf dem kapitalistischen Pferde und auf dem kommunistischen, aber beide sind nicht aus einem Stalle." — Aber aus wessen Stalle sind sie eigentlich? Welche Nation hat sie entdeckt? 22) Zu den seltsamsten Mystifikationen der jüdischen Geschichte gehört der Vorwurf, daß die Juden die Schöpfer der Freimaurerei seien. Bekanntlich ist diese in einer Zeit entstanden, in der die Juden in einem großen Teü Europas gar nicht zugelassen, im übrigen in den Ghetti isoliert waren. Wir glauben nicht, daß Friedrich der Große, der Freimaurer war, einem „jüdischen Geheimbund" beigetreten wäre. (Vgl. auch Goethe im „Wilhelm Meister" über die Maurerei). Trotz des offenbaren Unsinns ist es heute nötig, gegen dieses Märchen aufzutreten, weil es in der populären Literatur immer weiter um sich greift In Schusters „Die geheimen Gesellschaften" (Leipzig 1906), der Arbeit eines fleißigen Gelehrten, wird man darüber Sichereres erfahren als bei Belloc.u. a. Hat der leicht irreführende Titel dieses Buches, in dem keineswegs bloß „geheime" Gesellschaften dargestellt sind, zu diesem Irrtum beigetragen? (Vgl. auch Jüdisches Lexikon Bd. II s. v. Freimaurerei.) 96