Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259285-2260415--2927-2260456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. in Form eines großen Essays (S. 214) einen Gesamtüberblick über die ^jüdische Gefahr" bieten, wie der Autor sie sieht, und dementsprechend ist in diesem Buch der Einschuß subjektiver Betrachtungsweise besonders groß. Diese subjektiven Einschüsse seiner Darlegungen gibt Belloc auch unumwunden zu. Als entscheidend für seine Betrachtung und „die Tatsache, von der wir ausgehen", nennt er selbst „das unbehagliche Gefühl, daß die Juden die Kontrolle (nÄmlich über die nichtjüdischen Nationen) erlangen, und den Entschluß, diese Kontrolle nicht zu dulden" (S. 131). Da aber „dieses ^unbehagliche Gefühl" von den Christen im allgemeinen „nicht so emppfunden" wird (S. 135), sollte man meinen, der Verfasser müßte die faktische Berechtigung dieses Gefühls an Tatsachen erweisen. Aber et; verzichtet auf jede Beweisführung, denn die minimalen Andeutungen20) kann man als solche nicht gelten lassen. So wenig wir so ehrlichem Antisemitismus mit „Spott" begegnen wollen (S. 109), so wenig können wir „unbehagliche Gefühle" als Leitmotiv einer kulturwissenschaftlichen Gedankenarbeit anerkennen. Das um so weniger, als der Verfasser mit den „reichen Belegen", die „der Antisemit in bedeutendem Maße bereitgestellt hat, um sie im ersten Augenblick, wo ihm die jetzt noch verweigerte Oeffentlichkeit gewährt wird, vorzulegen" (S. 108), zwar droht, aber nichts von ihnen mitteilt Dergleichen Diskretion in bezug auf die eigenen Quellen wirkt nicht recht überzeugend. Wenn das vorläufig zurückgehaltene Material sachliches Gewicht hat, werden wir uns belehren lassen; wenn es aber nichts anderes aufzeigt als „den Juden, der hinter den großen Industrieversicherungsplänen war, der hinter dem und dem Metallmonopol war, der hinter der und der Nachrichtenagentur war, der den und den Politiker finanzierte" —, dann allerdings werden wir unsere geschichtswissenschaftliche Betrachtung vorzeitig abschließen, und dann wird sich es empfehlen, rein politische Erwägungen darüber anzustellen, wie die Gewerbefreiheit wieder aufzuheben ist, die weder Juden noch Christen hindert, ohne Schonung öffentlicher Interessen „hinter dem oder jenem Monopol" herzulaufen. Wenn das der Grund für das „unbehagliche Gefühl" des Herrn Belloc sein sollte — nirgends in dem ganzen Buch drückt er sich präziser aus —, dann steht das Heilmittel, das er als „dringlich" empfiehlt (S. 214), völlig außer Verhältnis zur Aufgabe. Er empfiehlt nämlich die Organisation und Anerkennung der Juden als „Sondernation". Nun ist aber den Juden auch vor der Emanzipation, als sie — in ganz anderem Grade als heute — de facto und — vollstandig — de jure „eine Sondernation" darstellen, doch genau so vorgeworfen worden, daß sie die wirtschaftlichen Güter des christlichen Volkes an sich rissen. Hätten sie das aber getan, solange sie wirklich als Sondernation organisiert waren, welche Macht sollte sie dann heute hindern, ähnlich manchen voremanzipatorischen Figuren auch in Literatur, Presse und Politik wiederum einzudringen und 2°) Etwa SS. 107 und 134. 95