Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 8)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. Noch andere empfindliche Uebertreibung.en zeigen, daß Coudenhove die wissenschaftliche Seite des Problems nicht ganz bewältigt hat. Es ist gewiß richtig, daß im Laufe des Mittelalters und der Neuzeit bis an die Schwelle der Emanzipation die europäischen Juden im allgemeinen von den christlichen Herren und Völkern unterdrückt und beschämt worden sind, aber man kann nicht jede Einzelerscheinung unbesehen auf dieses Konto setzen. Es ist nicht richtig, daß Familiennamen wie der der Rothschilds aus „wunderlichen" Hausbezeichnungen stammen und den Juden in gleicher Unterscheidungsabsicht wie der gelbe Fleck beigegeben wurden (S. 183). In der Erscheinung der „Hofjuden" kann man nicht eine Institution zum Zweck der Erniedrigung der Juden erblicken. Ganz eklatant tritt schließlich die übertreibende Verkennung hervor in den Gefahren, die nach Coudenhove der europäischen Welt drohen sollen, wenn bei mangelnder Unterstützung der zionistischen Idee durch die Regiegierungen „sich der Judenheit die Verzweiflung bemächtigt, die Riesenkraft verleiht" (S. 260). Dieser Schreckensruf Coudenhouves ist erstmals im Jahre 1901 erklungen. J899 hatte H. St. Chamberlain seine „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" veröffentlicht und dem Rassenantisemitismus einen ungeheuren propagandistischen Erfolg verschafft. Die Schrift Coudenhoves ist durch die Chamberlains hervorgerufen worden, und in beiden drückt sich die Uebertreibung aus, die sich bei der Betrachtung aktueller Fragen allenthalben so häufig zeigt. Dagegen steht der Schreckensruf Coudenhoves kaum in Beziehung zu der ständigen Gefahr, die nach antisemitischer Schulauffassung18), aber auch nach Belloc und Passarge19) die Juden ständig für die christlichen Nationen darstellen. Denn letztere denken ernstlich an eine unvermeidlich dauernde Zerstörungsarbeit der Juden, Coudenhove hingegen an eine Gegenwehr aus Verzweiflung. Aber trotzdem gibt es dabei einen interessanten Vergleichspunkt: einmal die gemeinsame Verkennung der Macht der Juden und ferner die Unkenntnis des Umstands, das sie ihre Verknüpfung mit den Wirtsvölkern selbst als schicksalhaft empfinden. Die leichte Ueberalterung, die in Coudenhoves Schrift zu verspüren ist, hat des Verfassers Sohn, Graf R. N. Coudenhove, dadurch herabzumindern versucht, daß er in seinem beachtlichen Vorwort die Verhältnisse der neuesten Zeit behandelt. Manches erweckt auch in dieser gedrängten Darstellung Zweifel. Daß das „Westjudentum keine Nation" sei, darüber läßt sich reden, die entscheidende Mehrzahl der Westjuden teilt heute diese Auffassung. Aber weshalb sollten sie eine „Kaste" darstellen (S. 40)? Natürlich oder rechtlich fixierte Dinge lassen sich immer in reproduzierenden Definitionen umschreiben, aber bei flüssigen historischen Erscheinungen ist das schwieriger. Wenn schon definiert werden soll, dann erscheint uns die Bezeichnung „Kulturgemeinschaft" richtiger. Interessieren dürfte hier, daß Coudenhove, der Sohn, seine Betrachtungen bis zu den Palästina-Unruhen vom Sommer 1929 ausdehnt und daß er im Gegensatz zu seinem Vater im Zionismus ein „zweischneidiges Schwert" sieht. * jjj 3|C Die Einflüsse politischer Aktualität auf wissenschaftliche Betrachtung zeigen sich bei Belloc viel deutlicher als bei Coudenhove. Das Buch will auch gar keine Bearbeitung historischer Tatsachen, sondern 18) Neuerdings etwa, unendlich weit zurückbleibend hinter den im folgenden erwähnten Werken: Leon de Poncins, Hinter den Kulissen der Revolution" und „Judentum und Weltumsturz" (Berlin 1929). 19) s. unten. 94