Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 7)
- Language
- German
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Raphael Straos. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. Schwierigkeiten, die das jüdische Problem bietet und die, was die geschichtlichen Fragen betrifft, nicht einmal so weit geklärt sind, wie sie mit wissenschaftlichen Mitteln geklärt werden können, einen gedankengespannten Autor hindern müßten, das, was die Wissenschaft nicht oder noch nicht hergibt, aus anderen Quellen, etwa aus eigener 40 jähriger Erfahrung (Passarge, S. 3)16) zu ergänzen. Die andere rechtfertigende Erwägung führt dahin, ob ein weltanschauungsmäßig festgelegter Autor wie der Katholik Belloc zu Fragen, die auf der Seele brennen, schweigen soll, weil er sie nicht mit wissenschaftlicher, sondern mit außerwissenschaftlicher Sicherheit stellen und beantworten kann. Diese Rechtfertigung wird man dann als ausreichend betrachten müssen, wenn nach Goethes Wort „die Objekte rein aufgefaßt und ihrer Natur gemäß behandelt werden", d.h. wenn Wissen, Glauben und 40 jährige Erfahrung an ihren gehörigen Platz gestellt werden. Unsere diesbezügliche Untersuchung beschränkt sich darauf, ob dies hinsichtlich des Wissens der Fall ist. Dabei zwingt uns die persönlich-willkürliche Art, die für jene drei Arbeiten charakteristisch ist^ jede für sich zu betrachten. Coudenhoves Weg führt von einer nach allen Seiten hin sachlich fundierten Kritik des Antisemitismus zu einem „Hip, hip, hurra!" für die Juden (S. 191). Gerade da, wo jene sachliche Kritik aufhört und die Lobpreisung beginnt, erfolgt der Sprung ins Volkstribunentum. Das jüdische Martyrium des Mittelalters ist ein Tatsachenkomplex, dessen genauere Betrachtung in die Tiefe der soziologischen Grundlagen des jüdischen Lebens führt"). Coudenhove hat das zwar geahnt und selbst auf den Unterschied zwischen den spanischen Marranen hingewiesen, die Leben und Gut durch die Scheintaufe gerettet haben, und den Märtyrern Mitteleuropas, die nicht „so weise" waren. Aber er dringt zu wirklichen Erkenntnissen nicht vor, weil er diesem Unterschied nicht weiter nachgeht, sondern mit der gar zu'schlichten Wendung, die jüdischen Märtyrer hätten „kolossalen Heldenmut" bewahrt, das Ganze auf'eine persönlich-sittliche Formel bringt. Damit macht er methodisch genau den gleichen Fehlgriff wie der Antisemitismus, gegen den doch sein Buch sich wendet, der die Entwicklung gleichfalls fälschlich nach dem Status persönlicher Sittlichkeit orientiert wähnt und es darum für unwesentlich hält, die historische Tatsachenwelt vergleichend scharf ins Auge zu fassen. Im Grunde ist das nichts anderes als die alte Schlossersche Anschauungsweise, die in allgemeinen Geschichtsbetrachtungen heute durchaus mit Recht als unzulänglich abgelehnt wird und nur in dem stiefmütterlich behandelten Gebiet der jüdischen Geschichte eine unerfreulich lange Lebensdauer behält. Die Aufklärung über den Antisemitismus kann ihrem "Wesen nach nur durch ein Höchstmaß an betrachtender Kühle erreicht werden; nüt „"Aufklärung" ist das nun einmal nicht anders. Es gibt gegen die „Fixigkeit" des antisemitischen Generalverdikts keine andere Aufklärung als die „Richtigkeit" in ihrer nüchternsten Ab» gewogenheit. 16) Quelle siehe später. ") Im Jahre 1470 wurde ein Regensburger Jude, der sich hatte taufen lassen wollen, wegen Rückfäiligkeit zu dem jüdischen Glauben vor Gericht gezogen. Er erklärte u. a., daß ihm die Taufe „vast schwer sey, nachdem er alle sein freundt hie hab und solle die alle erlassen und Crist werden gleich als einer, der sich aller freundtschaft und guts verzeiht und in ein frembdes land gee" (Staatsarchiv, München). 93