Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 6)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. ergänzt und gekürzt, neu herausgegeben hat, wie für die mit ehrlicher Mühe ihre Antipathie unterdrückende Schrift Bellocs wie für diejenige Passarges, die sich in dieser Richtung mit einem Minimum an Anstrengung begnügt. Wir glauben nicht, daß dieser sinnfällige Unterschied zwischen den besprochenen theologischen und den noch zu besprechenden nichttheologischen Arbeiten ganz zufällig und nur individuell ist. Bei einer näheren Betrachtung werden wir sehen, wie entscheidend der Blickpunkt der drei Nichttheologen durch die Gegenwart festgelegt ist, in welchem Grade sie politische Ziele verfolgen und wie bei ihnen nur von ferne der Gedanke anklingt, daß es nur bei ernster Zügelung aller erkenntnisfeindlichen Subjektivismen — mit Einschluß der wertvollen persönlichkeitsbildenden — möglich ist, sich von der Gegenwart in die Vergangenheit mühsam zurückzutasten. Dazu haben die Theologen, gewohnt, sich einem höheren Gesetz zu unterwerfen, leichteren Zugang. Wir glauben indessen keineswegs, daß den Nichttheologen dieser Weg an sich schwerer fallen müßte, da er doch in allen Wissenschaften täglich hundertfältig gegangen wird. Aber wir sehen doch, daß er gerade im Hinblick auf das Judentum selbst sonst zuchtvoll geschulten Geistern außerordentlich schwer wird, und das ist es, was uns diese Autoren besonders interessant erscheinen läßt Zu deutlichem Ausdruck kommt das in einem Zug ins Volkstribunenhafte, das diesen drei Werken (Coudenhove, Belloc, Passarge) eigen ist. Coudenhove und Passarge apostrophieren den Leser an vielen Stellen, Belloc aber spitzt seine Ausführungen geradezu auf eine politische Tagesforderung zu, die „heute noch ausführbar ist, sehr wohl noch bei Lebzeiten des Autors (durch Katastrophen) über die Maßen altmodisch werden kann" (S. 214). Bekennt sich Coudenhove zur Bewunderung der jüdischen Art, so die beiden anderen Autoren zu starkem Distanzgefühl bezw. zu starker Mißachtung. Sie unterscheiden sich aber sehr beträchtlich von der üblichen, meist ganz dürftigen „Hammer"- oder „Cheskel"-Literatur15) dadurch, daß sie ihren durch Willens- und Gefühlsimpulse apriori festgelegten Weg mit wissenschaftlichen Argumenten pflastern. Um die historischen Materialien für diese Zwecke geeignet zu machen, werden sie vielfach nach Prokrustesart vorbehandelt, das Ungeeignete aber ganz beiseite gelassen. Dadurch entsteht jener sonderbare Eklektizismus, der für die heute stark wuchernde halb wissenschaftliche Literatur (Spengler u.v.a.) so bezeichnend ist und notwendig entweder über oder unter der geschichtlichen Wahrheit hinwegführt. Bei alledem gibt es für diese Methode rechtfertigende Gesichtspunkte. Der eine führt zu der Erwägung, ob wirklich die großer! 15) So nennt Passarge (S. 40, 382, 386) die spärliche jüdische chauvinistische Literatur. Der Titel stammt von jenem Aufsatz Cheskel Z. Klötzels (Janus 1912/13), in dem ein kaum Zwanzigjähriger Dinge sagte, die allein von seiner Jugend Zeugnis ablegen. „Cheskel" ist der einzige uns bekannte Vertreter christenfeindlicher „Cheskeiliteratur" seit 500 Jahren. Vgl. aber S. Feuchtwanger, Die Judenfrage (Berlin 1916), S. 39. 92