Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 5)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. das ganze wirtschaftliche und soziale Leben bestimmend beeinflußte. Die Thesen, in die dieses Buch ausmündet, mögen hier als Beweis angeführt sein, und auch da, wo sie sachlich Bedenken erwecken, geben sie immerhin Anlaß zum Nachdenken10). Aehnlich durch die Ueberhöhung des Blickpunkts, aber verschieden durch die anderen Darstellungsmittel ist das Buch Lamparters, gleichfalls eines protestantischen Theologen11). Es ist nunnichts aufschlußreicher als die Beobachtung, wie sehr die von den Nichttheologen Coudenhove12) (ehemaliger österreichischer Diplomat), Belloc13) (Kulturschriftsteller) und P assarge1*) (Professor der Erdkunde) verfaßten Werke hinter diesen Darstellungen aus Theologenfedern zurückbleiben. Das gilt ebenso für die extrem judenfreundliche Coudenhovesche Schrift, die dessen Sohn, 10) Aus These 2: „Daher kann keine Macht der Welt seine (d. i. des jüdischen Volkes) Zerstreuung aufheben. Der Juden internationales Dasein ist eine Tatsache geworden, mit welcher die Kulturvölker nach den Prinzipien der Gerechtigkeit sich abfinden müssen". — Aus Th. 3: „Ihre internationale Wirksamkeit ist immer eine doppelte gewesen. . Sie waren immer bemüht, die Schranken, womit die Völker sich gegeneinander abschlössen, zu durchbrechen . . durch Austausch der Kulturgüter . . . Nach innen haben sie einen beständigen Kampf gegen alle religiöse Hierarchie . . geführt (?), . . . daher im Mittelalter (?) ihre Sympathie mit allen Veränderungen, welche die bestehenden Gewaltherrschaften umstürzen . . . ." — Aus Th. 4: „Trotzdem haben die Juden ihr geistiges Leben und jeglichen Fortschritt nie aus sich selbst, sondern immer nur aus der Berührung mit christlichem Geist zu schöpfen vermocht. Auf sich selbst beschränkt, war ihr religiöses und wissenschaftliches Leben unfruchtbar und ohne Gewinn für die Menschheit". — Aus Th. 5: „Dem Christentum, gegenüber haben sie sich stets . . feindlich gezeigt ... Es gereichte ihnen immer zum Anstoß, daß die Wirklichkeit des Christentums nicht im Einklang stand mit den Ansprüchen, die es erhob". — Aus Th. 6: „Nachdem die Juderi selbst die konservierende, aber auch versteinernde Macht des Talmuds, des einzigen original-jüdischen Geistesprodukts X?), abgeworfen haben, als untauglich gegenüber der modernen Kultur, ist das moderne Judentum zusammengeschrumpft zu einer abstrakten Vernunftreligion . . . ." Die Mischung von Richtigem und Falschem sowie falsch Gedeutetem ist für die schwere Zugänglichkeit des Fragenkomplexes sehr charakteristisch. u) Eduard Lamparter, Das Judentum in seiner kultur- und religionsgeschichtlichen Erscheinung (Gotha 1928). Es behandelt das Judentum mehr unter systematischen als historischen Gesichtspunkten. Frei von allen Nebenzwecken, auch von dem Lehrzweck des Hemanschen Buches, ist es sichtlich die Frucht einer Arbeit, die der Autor auf sich genommen hat, um selbst ein Urteil zu gewinnen über einen der meistumstrittenen Fragenkomplexe. Von der Rassenfrage bis zu den Religionsproblemen hat er alle wichtigeren Erscheinungen geprüft und setzt sich mit vielen kritisch auseinander. Die dadurch erreichte Vielseitigkeit einerseits, die Maßhaltung und Besonnenheit im Urteil und Zurückhaltung naheliegender Subjektivismen anderseits sind für dieses Buch charakteristisch: ohne irgendwo zu exzellieren, bietet es eine beachtliche Handhabe, sich vielseitig zu orientieren. Es liegt etwas von Reuchlinschem Wissenstrieb darin: Wissen um der Erkenntnis, nicht um der Lehre, der Forderung willen. 12) Heinrich Coudenhove-Kalergi, Das Wesen des Antisemitismus (Wien 1929). 13) Hilaire Belloc, Die Juden. Uebersetzung und Nachwort von Theodor Haecker (München 1927). 14) Siegfried Passarge, Das Judentum als landschaftskundlich-ethnologisches Problem (München 1929). 91