Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259285-2260415--2922-2260451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. Unrichtigkeiten9) — diese fallen im ganzen nicht ins Gewicht — als wegen des Mangels an übergeordneten historischen Gesichtspunkten. Deutlich und an entscheidender Stelle, nämlich bei der Beurteilung der mittelalterlichen Judenverfolgungen, ist dieser Mangel zu erkennen durch Vergleichung zweier Textstellen: „Sie (die Christen) zeigten damit (mit den Judenverfolgungen), wie wenig die Grundsätze der Religion Jesu bei ihnen noch Wurzel geschlagen hatten, obwohl schon ein halbes Jahrtausend lang sie von der Kirche geleitet und regiert worden waren" (S. 240). Dagegen heißt es S. 245 von derselben Zeit und Bevölkerung: „Die Feindschaft und der Widerwille der Juden gegen das Christentum, das der Deutsche als sein höchstes Geistesgut schätzte, dem er alle seine Kultur verdankte, symbolisierte und kristallisierte gleichsam das deutsche Volk in seinen Anklagen gegen die Juden wegen Hostienschändung" usw. Dergleichen ist die Folge davon, daß einerseits der „protestantische", andererseits der wissenschaftliche Standpunkt gleichermaßen gewahrt bleiben sollen. Das ist nicht möglich und ruft Zweideutigkeiten hervor. Es ist bemerkenswert, wie nahe das erste Zitat an den in diesem Buch so bitter befehdeten und trotz aller Einseitigkeiten zu Unrecht als „Pamphletist" (S*. 8) verschrieenen Graetz herankommt; denn auch Graetz meint mit seinen Seitenhieben auf die „Religion der Liebe" nicht das Christentum, sondern den Mangel an Christentum beim christlichen Volk des Mittelalters, trifft also genau dieselbe Deutung wie das erste Zitat. Diese Deutung ist es denn auch, die im Nachwort v. Harling maximenartig erweiternd beibehält — „es gereichte den Juden immer zum Anstoß, daß die Wirklichkeit des Christentums nicht im Einklang stand mit den Ansprüchen, die es erhob" —, diese Deutung hat ja auch Luther ausgesprochen und ebenso mancher zeitgenössische Chronist. Ein solches unsicheres Hinüberirren zum wissenschaftlichen Gesichtspunkt werden wir auch bei den spater noch zu behandelnden Autoren, allerdings in vermindertem Ausmaß, kennen lernen. Von diesen später zu besprechenden Büchern unterscheidet sich aber Heman—v. Harling besonders durch sein Bemühen um Objektivität hinsichtlich der Zeitgeschichte der jüdischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts. Wiederum bildet das Ergebnis die Probe auf die Richtigkeit der Methode: ohne manche Schwächen der jüdischen Position in der Gegenwart zu verkennen, hält sich doch bei ihm alles innerhalb der Grenzen des Menschenverstands und fern von der Alternative Engel oder Beelzebub, der wir später begegnen werden. Es ist bemerkenswert, daß die jüdische Situation des 20. Jahrhunderts, in der es viel weniger Reibungsflachen zwischen christlicher und jüdischer Religion gibt, viel gerechter beurteilt wird als dieselben Verhältnisse im Mittelalter, da die Kirche --- . i j mrw-f% 9) Aus vielen Beispielen nur etwas grundsätzlich Bedeutsames: Die Juden können im deutschen Frühmittelalter nach Ansicht des Verfassers in Deutschland nur durch Schuldpfändung Grundstücke besessen haben, aber nicht durch direkten Kauf. Das ist in dieser Allgemeinheit für das Frühmittelalter bestimmt falsch, aber nicht einmal für das Spätmittelalter durchaus richtig. Vgl. u.a. Stowasser in Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Wien IV (1923), 23 ff. 90