Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 3)
- Language
- German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. alterlichens Wirtschaftslebens erschien, ziemlich still geworden, und man hat darin sicher eine Wirkung jenes Aufsatzes von Kulischer sowie der in dieser Hinsicht verwandten Arbeiten von Schipper, Strieder, Hofmann u. a. zu sehen. Man kann heute wohl sagen, daß die extremen Anschauungen Büchers und Stiedas über dieses Kapitel der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte nur noch in den Laienkreisen dominieren, allerdings bis dicht hinan an die Pforten der engsten Fachwissenschaft. Der Weg wäre jetzt offen für eine legendenfreie, nüchterne Darstellung dieses Kapitels. Einen Hinweis hierauf möchte man auch in der schwachen Akzentuaüon sehen, die es in Rudolf Kötschkes8) Darstellung gefunden hat. Dagegen scheint uns hinsichtlich der neuzeitlichen Verhältnisse in Kulischers Wirtschaftsgeschichte diese Akzentuation zu schwach. Zwischen der bekannten Auffassung Sombarts, nach der die Juden geradezu die Schöpfer des modernen Kreditwesens sind, und der Darstellung Kulischers, in der sie nicht einmal Erwähnung finden, möchte man einen Mittelweg suchen. Nur dann, wenn man in den zahlreichen jüdischen Hoffaktoren und Kriegslieferanten des 17. und 18. Jahrhhundert eine rein zufällige Erscheinung sähe — und das kann man doch wohl nicht —, nur dann könnte ein nachdrücklicher Hinweis auf die konstitutive Bedeutung der Juden im neuzeitlichen Kreditwesen so völlig fehlen, wie es in Kulischers Darstellung der Fall ist. Es wird bei Kulischer nicht deutlich, ob er tatsächlich den jüdischen Einfluß in der Neuzeit so über alle Maßen gering einschätzt. Man muß das allerdings wohl aus seinem Stillschweigen schließen. Eine solche Auffassung wäre aber höchstens nur für einen Teil der Neuzeit richtig, nämlich für das 16. und die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schreitet man von diesem gelehrten und wohl abgewogenen „Handbuch" weiter zu anderen neueren Werken, so wird man bei allen die Beeinflussung des Ergebnisses durch die Wahl des Ausgangspunktes, bei vielen aber auch durch die Wahl eines — notwendig außerwissenschaftlich determinierten — Zielpunktes erkennen. Als Ausgangspunkt finden wir solche, die „protestantisch" (Heman), „katholisch" (Belloc) und philo-.oder antisemitisch bestimmt sind. Zielpunkte finden sich da, wo der Verfasser jenseits des Objekts noch} dessen Projektion in der Zukunft zu erfassen sucht (Belloc, Passarge). Geschichtswissenschaftlich fruchtbare Arbeiten sind daher diese alle nur bis zu gewissem Grade, und wenn auch die in dieser Hinsicht mindestgehaltvollen hier behandelt werden, so geschieht das wegen ihres zeitgeschichtlichen Wertes. Das gilt schon von der alten Hemanschen „Geschichte des jüdischen Volkes", deren 1. Auflage 1908, deren 2. Auflage, in der Darstellung der älteren Zeit etwas gekürzt, aber um eine wertvolle zeitgeschichtliche Betrachtung bereichert, 1927 von O. v. Harling veröffentlicht wurde. Die Qualität dieses Werkes liegt nicht in der eigentlichen Geschichtsdarstellung, und zwar nicht sowohl wegen einzelner 8) Um ein Weniges steht hinsichtlich der Juden die Betrachtung Kötzschkes (Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters, Jena 1924) hinter Kulischers Darstellung zurück. Daß die Juden „sich immer wieder von neuem mit ihrer Tätigkeit erfolgreich einstellten" (S. 533) ist nicht richtig. Es ist insbesondere nicht richtig gerade in Betreff der englischen Juden, an deren Austreibung (1290) die Erklärung angereiht wird. Der Niedergang der europäischen Judenschaften im Spätmittelalter steht der Auffassung einer stets erfolgreichen Umstellung entgegen und ist bisher — wie manches andere Problem dieser Zeit — zu wenig beachtet worden. l* 89