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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-01-01 · Heft 2 · p. Seite 88

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 2
Article
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
Date
1930-01-01
Page
Seite 88 (sequence 2)
Language
German
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Raphael Straus. Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur. (S. 8f., S. 11). In einer „Geschichte der Nauheimer Juden"2) und einer „Geschichte der Juden in Nordhausen"3) wird das vermieden; allerdings ist wegen der geringeren Bedeutung des Themas auch die Versuchung zu falscher Distanzwahl geringer. Ist das aber bei diesen durchaus gediegenen kleinen Publikationen, die zudem besonders als Gelegenheitsarbeiten (Jubiläumsschriften) bewertet werden müssen, wenig bedeutsam, so wiegt der Mangel viel schwerer bei einer so gewichtigen Publikation wie der über „Die Juden im alten Wien"4). Obwohl das Buch nicht auf eine wissenschaftliche, sondern eine künstlerische Darstellung abzielt, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist es störend, daß es über die verständnisvolle Betrachtung des Details hinaus unmittelbar aus der Einzelerscheinung allgemeine Ausdeutungen, besonders auch ethische Bewertungen, gewinnen will. Das ist eine Täuschung; denn die allgemeinen Gesichtspunkte werden in Wahrheit gar nicht aus solcher Betrachtung ortsgeschichtlicher Einzelheiten, sondern aus anderem Wissen hergeleitet. Nun sind solche methodischen Fehlgriffe, solche Einschaltungen des Erfahrungs- oder Gefühlsmechanismus wissenschaftlich geradezu ruinös —, so unentbehrlich sie in erzieherischer Richtung sein mögen. Weitere Beispiele dieser Art werden wir im folgenden noch kennen lernen. Es sei aber zunächst auf eines dieser nur in jüdischen Zusammenhängen leider selteneren Werke hingewiesen, die diese Mängel nicht haben. Die an Umfang relativ geringen, sachlich durchaus penetranten Ausführungen Josef Kulischers6) zur jüdischen Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters ordnen in besonnener Weise die jüdisch-mittelalterliche Wirtschaftsposition in die gesamte wirtschaftliche Entwicklung ein, ohne den jüdischen Kapitalismus in jene legendär gefärbte und irreführende Sonderbeleuchtung zu stellen, durch die er besonders bei Sombart solch feenhaften Charakter gewonnen, aber auch in der meist überschätzten Arbeit von Hahn6) eine durchaus verkennende Ausdeutung erfahren hat. Bezeichnend für Kulischer's Maßhaltung in der Einschätzung der jüdischen Wirtschaftstätigkeit ist allein schon der bescheidene, fast zu bescheidene Raum, den er den Juden in seiner Wirtschaftsgeschichte einräumt, und man muß, um das zu verstehen, durchaus seinen älteren Aufsatz7) zur Beurteilung mit heranziehen. Es ist in den letzten zwanzig Jahren um das jüdisch-mittelalterliche „Wuchermonopol", das früher als einer der Kristallisationspunkte des mittel- 2) Rudolf Stahl, Geschichte der Nauheimer Juden. (Nauheim 1929). 3) Heinrich Stern, Geschichte der Juden in Nordhausen. (Nordhausen 1927). Das Büchlein ist durch manche ansprechende Bildbeigaben (Judenhäuser, Grabsteine etc.) illustriert. Die Abbildung des Siegels Karls IV., in der Unterschrift als solches Karls V. bezeichnet, ist in dem Zusammenhang immerhin verwunderlich. *) Ludwig Bato, Die Juden im alten Wien. (Wien 1928). 6) Josef Kulischer, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Zwei Bände. (München 1929). 6) Bruno Hahn, Die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden im Frankenreich und im deutschen Reich usw. Freiburger Diss. 1911. *) Zeitschr. f. Volkswirtschaft u. Sozialpolitik 1908. Vgl. auch Jahrb. f. Nationalökonomie und Statistik 1900, S. 499 ff., 593 ff. 88

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