Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259285-2260415--2919-2260448- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Neuere geschichtswissenschaftliche und zeitgeschichtliche Literatur von Raphael Straus Motto: „Man soll Geschichte schreiben weder als George-Schüler noch als Katholik oder Prostestant oder Marxist, sondern als wahrheitsliebender Mensch. Albert Brackmann. „Wie es gegen alle Ehrerbietung anliefe, die Geschichte der Christen nur aus den Aufzeichnungen der Juden zu konstruieren, so wäre es auch nicht billig, die Erlebnisse Israels nur aus den Schriften der Christen zu holen." Ludwig Steub. Es ist an dem Ausspruch Steubs, den wir unseren Ausführungen voranstellen, wie an allen guten Bonmots etwas Wahres, und wenn man das Bonmot zertrümmern und den Gedanken damit vervollkommnen wollte, so könnte man sagen: der Nichtjude wird manchmal die Erscheinungen des jüdischen — geschichtlichen und gegenwärtigen — Lebens aus zu großer Entfernung sehen, um sicher zu urteilen. Damit nähert sich der. Sinn des Steubschen Ausspruchs der programmatischen Aeußerung Brakmanns. Aber man kann gewiß ebenso richtig sagen, daß vielfach der Jude bei Betrachtung der ihn berührenden Verhältnisse zu nahe Posto faßt. Für die Fehler, die aus zu geringer oder zu großer Entfernung entstehen, sind einige neuere Bücher lehrreiche Demonstrationen. Nun ist die Entfernung vom Gegenstand, die es einzunehmen gilt, für das Einzelobjekt geringer als für einen großen Komplex, und dementsprechend ist sie auch für die historische Betrachtung geringer als für die philosophische. Ganz groß müßte sie sein bei der Betrachtung des Gesamtkomplexes „Judentum" oder „Antisemitismus", zu deren erschöpfender Deutung die Mittel weit auseinanderliegender Wissenschaften erforderlich sind. Aus dieser Vielseitigkeit ergibt sich schon, daß der Fall nicht häufig ist, daß ein Gelehrter die erforderliche große Distanz zum Objekt gewinnt. Viel größer ist die Gefahr, daß für eine Detailbehandlung die Entfernung zu weit gewählt wird. Eine Ortsgeschichte, ja sogar nur die Geschichte der Juden eines Orts, sollte nicht so weit ausholen, wie es der Verfasser der „Geschichte der Juden in Heilbronn"x) tut J) Oskar Mayer, Die Geschichte der Juden in Heilbronn. Festschrift zum 50 jährigen Bestehen der Synagoge in Heilbronn. (Heilbronn, Mai 1927). 87