Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 60 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland kulturellem Gebiete in Europa die Oberhand gewänne, so wären wir um ein weiteres Beispiel negativer, zerstörender Wirkung reicher . . Der Erfolg des Chamberlainschen Buches erklärt sich vor allem dadurch, daß es einer seit Jahrzehnten bestehenden Geistesrichtung entgegenkam, und dann auch durch die Förderung, die es von autoritativer Seite erhielt. Kaiser Wilhelm II. war ein begeisterter Anhänger Chamberlains und veranlaßte, daß die „Grundlagen" vielfach als Schulprämie verteilt wurden. Wenn heute Chamberlain in den Hintergrund getreten ist, so bleibt doch die Saat, die er und seine Epigonen ausgestreut haben, immer noch lebendig und wirksam. Das zeigt sich z. B. an dem 1911 erschienenen Buch des bedeutenden Berliner Volkswirtschaftlers Werner Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben. Das Thema liegt weit ab von der Rassenfrage und man wundert sich, weshalb sich der Verfasser als Nichtfachmann auf den schlüpfrigen Boden der Rassentheorien begeben hat. Zwar betont er (S. 339), daß beim heutigen Stande unseres Wissens lückenlose Beantwortung der wichtigsten (sich bei dem Problem erhebenden) Fragen nicht möglich sei; aber dieser Standpunkt hindert ihn nicht, das Problem der jüdischen Rasse im 3. Abschnitt: „Wie jüdisches Wesen entstand" auf 65 Seiten zu behandeln und im Sinne des kurz vorher erschienenen Werkes von Ignaz Zollschan, Das Rasseproblem, zu entscheiden. Die jüdische Rasse hat sich im großen und ganzen unverändert die Jahrtausende hindurch erhalten und die völkische Eigenart der Juden erklärt auch „die auffallende Gleichheit ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit", ihre „Begabung für Geldgeschäfte" usw. Wir wollen die pseudowissenschaftliche Literatur, die ein Ludwig Wilser, Freiherr von Lichtenberg, Adolf Wahrmund, Willibald Hentschel, Willy Pastor, Philipp Stauff, Theodor Fritsch, Otto Hauser, Ludwig Woltmann, Adolf Bartsch, F. Roderich-Stolt, Artur Dinter u. a. seit dem Erscheinen der Chamberlainschen „Grundlagen" in die Welt sandten, nicht mehr verfolgen. Sie konzentriert sich um eine sich zuweilen wissenschaftlich gebärdende Zeitschrift „Der Hammer" (seit 1901) in Leipzig. Neue Gedanken tauchen in all den Schriften, die schließlich wie bei Guido von List in den krassesten Unsinn einmünden, nicht mehr auf. Nur auf ein sehr erfolgreiches Werk der letzten Jahre, das im völkisch gerichteten Verlag von J. F. Lehmann in München erschien, die „Rassenkunde des deutschen Volkes", von H. F. K. Günther28) sei noch hingewiesen. Das populär abgefaßte Buch hat bis jetzt (1929) 13 Auflagen erlebt, obwohl es nach fachmännischem Urteil ein verfrühtes Unternehmen auf ganz unsicheren Grundlagen ist. Denn für eine Rassenkunde des deutschen Volkes fehlt es noch an ausreichenden Vorarbeiten. Wir könnten das Buch hier also übergehen, wenn nicht in einem Anhang auch das Judentum behandelt würde, angeblich zwar 28) Ich zitiere nach der in meinem Besitz befindlichen 5. Auflage. 60