Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 55 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland übrig, als sich dem nichtjüdischen Element zu assimilieren. Das ästhetische und physische Gefühl der Deutschen reagiere gegen die Bräuche und Physiologie des Judentums. Es existiere kein religiöser Judenhaß von Seiten der Deutschen; sondern es ist das Fremdartige des Wesens der Juden selber, welches, man möchte sagen, „chemisch" sich nicht mit dem Wesen des Deutschen verträgt. Eine spätere der überaus zahlreichen judenfeindlichen Schriften: Marrs heißt: Der Sieg des Judentums über das Germanentum. Vor mir liegt die 11. Auflage aus dem Jahre 1879. Im Vorwort wehrt sich Marr gegen einen Gegner, der behauptet habe, Marr stamme in dritter Generation von Juden ab! Der Inhalt selbst gipfelt in der Behauptung,, das Germanentum werde von dem Judentum unterdrückt; Marr bringt aber nur politische und wirtschaftliche Gründe vor. Nur auf politischem Gebiet bewegen sich auch die in den Preußischen Jahrbüchern Ende 1879 und Anfang 1880 erschienenen Aufsätze über die Judenfrage von Heinrich von Treitschke, die, auch als Broschüre unter dem Titel „Ein Wort über unser Judentum" veröffentlicht, mehrere Auflagen erlebten. Treitschke spricht zwar vom „Semitentum" (S. 3) und spielt auch (S. 20) den Gegensatz zwischen den aristokratischen Sephardim und plebejischen Ostjuden aus (wie der gleich zu nennende Fr. von Hellwald), der später in vielen antisemitischen Schriften eine große Rolle spielt — ebenso wie der angebliche rassenhafte Unterschied zwischen Juda und Israel —, beschränkt sich aber im allgemeinen auf politische und religiöse Erörterungen. Auf akademischen Erörterungen beruht die Erwiderung von Theodor Mommsen: Auch ein Wort über unser Judentum26). Die Juden sind Deutsche, trotz aller ihrer Fehler, so gut wie Treitschke und Mommsen; einen nationalen Staat wie im Altertum gibt es heute nicht mehr. Ein Blutmischungsregulativ ist schwer zu finden. Unterschiede zwischen Juden und Deutschen sind da, aber wer will Licht und Schatten gerecht verteilen, der nicht Hofprediger ist? (bezieht sich auf Stöcker und seine Agitation, s. weiter unten). Die Juden sind unter den deutschen Stämmen wohl ein Element der Dekomposition; aber solche Dekompositionsprozesse sind notwendig, um ein Abschleifen der Stämme und die Herstellung einer deutschen Nationalität zu erreichen. Es ist keineswegs ein Unglück, daß dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel beigesetzt sind. Die Kontroverse Treitschke-Mommsen ist hier in erster Linie als Illustration herangezogen worden für das tiefe Zerwürfnis, das die Aufwerfung der Judenfrage bis in die akademischen Kreise Deutschlands getragen und bis heute erhalten hat. Zu erwähnen sind ferner vor allem die etwas weiter zurückliegenden zwei Aufsätze eines Ethnologen (Fr. von H e 11 w a 1 d?): „Zur Charakteristik des jüdischen Volkes", die in der Zeitschrift: Das Ausland^ 1872, Nr. 38, S. 901—906 und Nr. 40, S. 951—955 erschienen. Denn hier finden wir bereits in nuce alle Ausstellungen und Vorwürfe, die 26) Berlin 1880. Wieder abgedruckt in „Reden und Aufsätze", S. 410—426_ 55