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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. Seite 53

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
Date
1930-04-01
Page
Seite 53 (sequence 14)
Language
German
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Siesmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland Es gibt auch nicht einen einheitlichen Typus, sondern viele jüdischen Typen. — Sieht man von Renans wechselnden Ansichten ab, so schweigt man im Allgemeinen in Frankreich über Gobineaus Rassentheorien. In Deutschland fand Gobineau zunächst energischen Widerspruch. Der Sprachforscher August Friedrich Pott aus Halle widmet der Entgegnung ein ganzes Buch: Die Ungleichheit menschlicher Rassen hauptsächlich vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt unter besonderer Berücksichtigung von des Grafen Gobineau gleichnamigen Werk. Ein ethnologischer Versuch. Lemgo und Detmold 1856. Aus einer Anzeige der Gobineauschen Schrift hervorgegangen, ist das Buch eine ins Kleinliche gehende Widerlegung seiner Aufstellungen. Pott findet bei Gobineau wilde Vermutungen, denen der Verfasser blindlings die Zügel schießen läßt. Er widerspricht dem Leitmotiv des Essai, daß Mischungen von Rassen stets Verschlechterungen sein müßten. Da Pott auf den Standpunkt Humboldts steht, man müsse die Menschheit als ein großes Ganze ohne Unterschied der Religion, der nationalen Zugehörigkeit und der Rasse betrachten, konnte er logischer Weise nur zu einer Ablehnung des Gobineauschen Essai gelangen. Sonst hat man auch in Deutschland in der Öffentlichkeit wenig Notiz von Gobineaus Ideen genommen. Desto mehr aber wirkten sie im Verborgenen. So war Friedrich Nietzsche sein aufrichtiger Anhänger, wie aus dem Vorwort seiner Schwester, Frau Foerster, zur deutschen Übersetzung von Henri Lichtenbergers Nietzsche-Biographie hervorgeht. Der Philosoph aber verdankt seine Bekanntschaft mit Gobineaus Werk dem Kreis um Richard Wagner, und hier müssen wir den hauptsächlichsten Ausstrahlungspunkt für Gobineaus Lehren suchen. Denn die Verherrlichung des Germanentums, die das Leitmotiv des Essai darstellt, ist ja auch, allerdings nur nebenbei, ein Ziel Wagnerschen Dichtung. Er erneuert die Oper an Stoffen, die er der altgermanischen und deutschen (nebenher auch der keltisch-romanischen) Heldendichtung entlehnt. So wurden die Bayreuther Blätter (gegründet 1878), das Organ des Wagnerschen Kreises, der Hauptträger für die Verbreitung der Ideen Gobineaus in Deutschland. In ihnen erschien z. B. 1882 ein Nachruf betitelt: Graf Arthur Gobineau, ein Erinnerungsbild aus Wahnfried. Aus demselben Kreis ging auch der Anstoß zur Begründung der Gobineau-Vereinigung hervor (1894), die von Professor Ludwig Schemann (jetzt in Freiburg) geleitet wird. Ihm verdanken wir auch eine Übersetzung des Essai ins Deutsche, die in 4 Bänden 1898—1908 erschien. So führt eine gerade Linie zum Hauptwerk des genialen Literaten Houston Stewart Chamberlain, des Schwiegersohnes Richard Wagners, der 1898 die erste Auflage seiner „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" herausbrachte. Dies Buch trieb die Gedankengänge Gobineaus auf die Spitze, huldigte einer kritiklosen Germanomanie und verkündete einen Haß gegen die Juden, der Gobineau in.dieser Art ganz fremd gewesen war. 53

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