Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 52 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259284-2260292--2865-2260373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland haben. Die späteren Juden lassen mehr die engherzigen und selbstsüchtigen Berechnungen, die Lüge und Treulosigkeit zu Tage treten, die schon in den Zelten der Patriarchen zu Hause ist. Aus der babylonischen Gefangenschaft kehren nur die armen Juden unter Führung von Schwärmern nach Jerusalem zurück; die Besten und die Reichen bleiben in ihren behaglichen Häusern in Susa. Sie vereinigen eine vernünftige Dosis praktischer Gleichgiltigkeit mit großer geistiger Regsamkeit, wenn es sich um Glaubenssachen handelte. Wenn das zweite Jerusalem nicht bestanden hatte, so wäre für die Welt nichts verloren gegangen. Eine Schar Pedanten, heuchlerischer und unwissender Priester und die zahllosen Bettler hätten sich alsdann nicht der künftigen Menschheit als Mittelpunkt der Welt ausgeben können. Gobineau vergißt ganz, daß das Christentum aus diesem späteren Judenrum hervorgegangen ist. Mehr hat Gobineau kaum über die Juden gesagt; der Judenhaß, der die Ariertheorien seiner Nachfolger kennzeichnet, ist nicht auf sein Konto zu setzen20). In Frankreich blieb Gobineaus Buch weiteren Kreisen ziemlich unbekannt, wenn auch ein Freund des gl eichgesinnten Toqueville, Graf de Remusat in einem Aufsatz in der Revue des deux Mondes vom 1. August 1856 ganz ähnliche Ansichten wie Gobineau ausspricht, dessen Schrift er ebenfalls gelesen hatte (germanischer Ursprung der ganzen europäischen Aristokratie) 21). Der bekannte Naturforscher Quatrefages widmet dem Essai einen ganzen Artikel: Du Croisement des Races humaines in derselben Zeitschrift (1. März 1857), in dem er mancherlei Einwendungen gegen Gobineaus Ansichten zu machen hat. Teils Anhänger, teils Gegner Gobineaus ist der berühmte Semitist E. Renan, der zwar für den Anfang der Menschheit die Bedeutung der Rasse anerkennt, für die spätere Entwicklung sie aber als nebensächlich ansieht22). In seiner Auffassung des Verhältnisses der arischen und semitischen Rasse ist er übrigens nicht konsequent23). Ausdrücklich Bezug auf Gobineaus Essai nimmt Renan nicht, aber an vielen Stellen seiner Schriften widerlegt er dessen Gedanken. Schließlich ist Renan ganz von seiner ursprünglichen Annahme einer jüdischen Rasse abgekommen, wenn er in der Schrift: Le Judaisme comme race et religion, Paris 1883 (nach einem Vortrag vor den Mitgliedern der AUiance israelite universelle; auch deutsch unter dem Titel„Das Judentum vom Gesichtspunkte der Rasse und der Religion", Basel 1883 erschienen) die Ansicht vertritt, daß die Semiten der Vorzeit keine Juden seien und die heutigen Juden keine Rasse mehr darstellten, da sie sich zeitweise sehr mit nichtjüdischen Elementen gemischt hätten. 20) Vgl. E. Seillere, Le Comte de Gobineau et PAryanisme historique, S. 245 ff. 21) Er nennt sie nebenbei in einem Aufsatz der Revue des deux Mondes vom 15. Mai 1854; später erwähnt er sie nicht mehr. 22) Discours et Conferences, 3e ed. p. 297: Le fait de la race, capital ä Porigine, va donc toujours perdre de son importance. 2S) Histoire generale et Systeme compare des langues semitiques, Bd. I, Paris 1855, passim. 52