Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 49 (sequence 10)
- Language
- German
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland werden müsse. Gobineau sei also in seiner Rassetheorie nicht als originell anzusehen; er lehne sich in seinen Ausführungen oft wörtlich an Stellen aus Disraelis Schriften an. Die Wesensverschiedenheit der einzelnen Menschengruppen, die Gobineau in seinem Werk zur Grundlage seiner Rassentheorien macht, ist ihm auch nicht etwa aus dem Studium gelehrter Werke, von denen die wichtigsten in den vorangehenden Ausführungen genannt worden sind, zugeflossen, sondern in dem Falle Gobineaus hat ein Dichter — denn ein solcher war der Geschichtsphilosoph auch — seine Inspiration aus den Werken eines kongenialen Dichters, eben des Juden Disraeli, entnommen und weiter gestaltet. Gobineau beschäftigte sich nachweislich mit englischer Literatur und es ist sogar nicht ausgeschlossen, daß die beiden Dichter in Paris gesellschaftlich verkehrten (Winter 1842/43). Das alles wird von C. Koehne mit zahlreichen Details wahrscheinlich gemacht. Ja, er geht noch weiter. Er glaubt, daß sogar die äußere Erscheinung Gobineaus als Muster für die Schilderung von Disraelis „arischem" Helden Phoebus in dem Roman Lothair (1870) gedient hat. Das hinderte aber Disraeli nicht, in der Sache als entschiedener Gegner der Gobineauschen Rassetheorien aufzutreten, wenn er in dem zuletzt genannten Roman einen Syrer Anaklet sich darüber äußern läßt: „The Aryan and the Semite are of the same blood and origin, but when they quitted their central land, they were ordained to follow opposite courses. Each division of the great race has developed one portion of the double nature of humanity, tili after their wanderings they met again, and, represented by their two choicest families, the Hellen es and the Hebrews, brought together the treasures of their accumulated wisdom and secured the civilization of man." Der Standpunkt, den Disraeli in den gelegentlichen rassenkundlichen Äußerungen in seinen Romanen vertritt, nämlich einer einheitlichen Auffassung der geistigen Eigenschaften der weißen Rasse, einerlei welcher Sprachgruppe ihre Angehörigen zugerechnet werden, war aber um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts,nicht mehr der allein maßgebende. Hervorragende Wissenschaftler in Deutschland neigten bereits zu der Theorie von der verschiedenen ethischen Veranlagung der arischen und semitischen Völker. Einer von ihnen, der Indologe Christian Lassen, hat durch seine noch heute geschätzte „Indische Altertumskunde" (1847) ebenfalls nachweisbaren Einfluß auf Gobineau ausgeübt. Denn dieser weitgereiste französische Diplomat verstand seit seiner Kindheit — er verbrachte einen Teil davon in Biel in der Schweiz — gut deutsch und las deutsche wissenschaftliche Werke. Er zitiert Lassens Buch oft im Kapitel 1 des 3. Buches seines Essai, wo er von den Ariern, Brahmanen und ihrer sozialen Struktur spricht. Lassen stellt nun in seiner „Indischen Altertumskunde" die Semiten zwar neben den Indogermanen, Chinesen und Ägyptern zu den höher befähigten Völkern, konstruiert aber einen ethischen Gegensatz zwischen Indogermanen und Semiten spez. Hebräern. Auch hier hören wir schon Worte, die uns als Vorausnahme der Gobineauschen Arierverherr- 4* 49