Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 48 (sequence 9)
- Language
- German
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Siegmund Feist Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland eben dem Helden des Romans. In dem 1832 erschienenen Roman „Contarini Fleming" ist der Held der Sohn eines schwedischen Ministers und einer Venezianerin aus edlem Geschlechte. Der Vater geht nach dem Tode seiner italienischen Gattin eine zweite Ehe mit einer Landsmännin ein und Fleming, der Aussehen und Charakter seiner Mutter geerbt hat, spürt für die Brüder aus der zweiten Ehe keine Neigung. „Sie hatten blaue Augen, Flachshaare und weiße Gesichtsfarbe, die zu meinen venezianischen Zügen in grellstem Gegensatz stand". In dem Roman Coningsby (1844) tritt ein orientalischer Jude Sidonia auf. „Ein Rothschild an Reichtum und Macht, sprachenkundig wie Mezzofanti, ein Wesen von lauterer Intelligenz, frei von allen Leidenschaften wie Spinoza, dabei ein Weltmann, der in den Kabinetten der Kaiser und Könige ebenso zu Hause ist wie in den Salons der geistreichen Damen von London und Paris". Dieser Sidonia vertritt nun in Hinsicht auf die Bedeutung der Rasse für die Weltgeschichte dieselben Ansichten wie Gobineau, nur daß er den Juden und den ihnen stammverwandten Arabern die Rolle zuerkennt, die bei dem französischen Grafen, der sich für den Abkömmling eines normannischen Wikingerführers hielt, die „Arier" spielen. Davon abgesehen, wandelt der Roman ganz in den Bahnen Gobineaus: das Zurückgehen des germanischen Elements in Frankreich wird bedauert; freudig begrüßt wird der Umstand, daß England im Laufe der Zeit mehr sächsisch als normannisch geworden ist; ein Engländer zeigt sich sehr stolz auf seine sächsische Abkunft. In dem 1847 erschienenen Roman Tancred wird die Rasse und der auf ihr beruhende Nationalcharakter als entscheidend für Glück, Fortschritt und Verfall der Völker bezeichnet. Die Ausführungen Sidonias, der auch in diesem Roman auftritt, schließen mit den Worten: All is race. there is no other truth. Daß dies die eigene Meinung Disraelis ist, ergibt sich daraus, weil er auch in späteren Romanen noch die Rassetheorie vertritt und seine Ansichten darüber sogar in seinen Parlamentsreden zum Ausdruck bringt. Sein Ziel war, die Emanzipation der Juden (ihr Wahlrecht insbesondere) damit zu erreichen, daß er sie als zu den Kulturrassen gehörig (im Sinne Klemms) hinstellt. In seiner Geschichtsphilosophie vertritt er also, natürlich mit anderer Absicht und zu anderen Zwecken, ganz ähnliche Theorien wie sie später Gobineau aufgestellt hat. Denn das berühmte Rassenwerk des Grafen Gobineau: Essai sur Pinegalite des Races humaines ist vermutlich erst in den Jahren 1851 bis 1854 zu Stande gekommen. Vorher lagen ihm die darin ausgesprochenen Theorien ziemlich fern. So hält er es im Jahre 1841 (in einem Aufsatz in der Revue des deux Mondes) für falsch, die Regierungsgrundsätze des Nordens auf die vom Freiheitsgeiste erfüllten Hellenen zu übertragen, ist also von einer Überschätzung der Herrschereigenschaften der nordischen Rasse offenbar noch weit entfernt. Im Einzelnen weist C. Koehne in dem genannten Aufsatz noch nach, in welchen Punkten Gobineau von Disraeli abhängig ist und daß letzterem die Priorität in der Theorie des Rasseproblems zugebilligt 48