Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 47 (sequence 8)
- Language
- German
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland Klemm bringt freilich in seiner Kulturgeschichte Gedanken zum Ausdruck, die in jener Zeit so zu sagen in der Luft lagen. Denn ähnlich wie G. F. Klemm, den er zitiert, urteilt z.B. Carl Gustav Carus (1789 bis 1869) in seinem „System der Physiologie" I, 1. Auflage 1838, 2. Auflage 1847, S. 146, und eingehender in der 1849 erschienenen Denkschrift zum hundertjährigen Geburtsfest Goethes: „Über ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheitsstämme für höhere geistige Entwicklung". Carus verwendet das feste Verhältnis unseres Planeten zum Menschen und den Wechsel der Tageszeiten zur Viergliederung der Menschheit, indem er eine neue Nomenklatur in die Rassenlehre einführt. Er nennt die Kaukasier „Tagvölker", die Äthiopier „Nachtvölker", die Mongolen „östliche", die Indianer „westliche Dämmerungsvölker". Die Intelligenz der Völker läuft parallel der Kapazität des Schädels und der Regelmäßigkeit des Gehirnbaues. Carus behandelt ferner die geistige Befähigung seiner vier Völkergruppen der Reihe nach, zuletzt die der Tagvölker. Unter ihnen werden auch an 4. Stelle die Semiten genannt, deren Stamm wesentlich durch die Juden bezeichnet sei. Die Tagvölker wiederholen die Einteilung der Menschheit in die oben genannten vier Gruppen nochmals im Kleinen an ihren Randgebieten. Einzelne Völkerzweige bei den Tagvölkern haben eine „ausgezeichnete" Individualität: Hindu, Ägypter und Hebräer. Über die letzteren äußert sich Carus durchaus anerkennend; er rühmt die eiserne Festigkeit ihres Stammescharakters und glaubt, daß bei ihnen immer noch, trotz ihrer Zerstreuung, ein fruchtbarer Boden für merkwürdige Persönlichkeiten übrig sei. Carus sei auch deshalb hier erwähnt, weil er von Gobineau öfter zitiert wird, während Klemms Kulturgeschichte diesem wohl bekannt, aber nicht in seinen Händen gewesen war16). Die weite Wirkung der neuen Theorie von der verschiedenen geistigen und ethischen Veranlagung der Rassen kann man daraus ersehen, daß sich ein viel gelesener englischer Romanschriftsteller dieses Mittels bedient, um die Charaktere seiner Helden darnach zu formen. Und dieser englische Romancier ist — Ironie des Schicksals — kein anderer als der, freilich als Jüngling schon getaufte, Jude D i s r a e 1 i, der spätere Premierminister Englands, Lord Beaconsfield. Wie sonderbar verschlungen sind oft auch die Pfade der Wissenschaft! Disraeli hat mit seiner Auffassung nachweisbaren Einfluß auf Gobineau, den Propheten der Rassefanatiker, geübt! Das hat jüngst der Kulturpolitiker Carl K o e h n e in einem Aufsatz: Untersuchungen über Vorläufer und Quellen der Rassentheorie des Grafen Gobineau17) nachgewiesen. Disreali hat kein systematisches Werk über seine Ansichten von der Rassenfrage geschrieben, sondern sie nur gelegentlich, in mehreren seiner Romane und in der Biographie Lord Bentincks, zum Ausdruck gebracht. Schon an einer Stelle des 1825 entstandenen „Vivian Grey" warnt der Leiter einer Schauspielertruppe vor dem „seditious stranger", 16) Vgl. Gobineau, Bd. I 5. Aufl. S. 86 Anin. 17) Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, Bd. 18, S. 369—398. 4 47