Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 45 (sequence 6)
- Language
- German
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland Als Vertreter der Geschichtsphilosophie mag der Literarhistoriker Wolfgang Menzel, der Gegner des „jungen Deutschlands", zu Wort kommen. Auch bei ihm mischt sich Bibelglaube mit naturwissenschaftlicher Forschung zu einem nicht einheitlichen Bilde. In seiner Schrift: Geist der Geschichte10) äußert er sich auch über das Problem der Rasse. Natürlich steht er auf dem Standpunkt, daß die weiße Rasse ursprünglicher als die farbigen Rassen sei, deren Entstehung eine „erste Entartung** des von der Hand des Schöpfers gebildeten Menschen sei. Die farbigen Rassen haben sämtlich, unbeschadet ihrer inneren Unterschiede, etwas Gemeinschaftliches. Das ist nicht die Dunkelheit der Farbe allein, sondern auch eine ihr entsprechende Dunkelheit des Geistes. Die farbigen Rassen haben entweder gar keine Geschichte11) oder sie sind auf eine niedere Stufe der Entwicklung beschränkt und haben immer nur retardierend und zerstörend auf die Weiterentwicklung ihrer Nachkommen eingewirkt. Das erstere gilt namentlich von den Negern, das zweite von den Mongolen. Ferner haben die farbigen Rassen eine gewisse Eigentümlichkeit der Sprache: sie haben nämlich unzählig viele und durchaus verschiedene Sprachen, während die Weißen nur wenige und einander nahe verwandte Sprachen haben. Bei Wolfgang Menzel begegnet uns auch schon eine geringere Einschätzung der semitischen Völker gegenüber den anderen Weißen, was zu seiner Zeit, wie wir noch sehen werden, nicht allgemein der Fall war. „Unter den Weißen macht nur der große semitische Völkerstamm (Chaldäer, Juden, Phönizier, Araber, Afghanen) davon (nämlich daß ihre Sprachen organische Bildungen sind) eine Ausnahme. Die semitischen Sprachen sind in der Grundsprache12) denen der farbigen Rassen gleich und nur in der vollkommenen Ausbildung kommen sie den indischen (d. h. arischen indogermanischen) Sprachstämmen nahe. Allein auch in anderer Hinsicht bilden diese semitischen Völker den Übergang zwischen der farbigen und weißen Rasse, wie zwischen dem heidnischen Altertum und der christlichen Zeit13." Es schließt sich hieran eine für heutige Begriffe etwas krause Ethnologie der indogermanischen Völker an (die Finnen sind Indogermanen, die Perser sind es nicht; die Deutschen gehören zu den tartarischen Stämmen usw.), von denen einzelne wie Thraker, Griechen, Römer der Mischung mit semitischen Völkern für verdächtig angesehen werden. Doch kommt W. Menzel zum Schluß (S. 821): „Indem der südliche und nördliche Völkerstamm sich zur Zeit der Völkerwanderung mischte und die Kultur der Griechen und Römer noch mit der kräftigen und reinen Natur der Deutschen verband, 10) Erschienen Stuttgart 1835. 11) Von der weit zurückliegenden geschichtlichen Überlieferung der Chinesen z. B. hatte der Verfasser noch keine Kenntnis. 12) W. Menzel konnte sie garnicht kennen; sie ist auch heute noch nicht in dem Umfang bekannt wie die indogermanische Grundsprache. 13) Geist der Geschichte, S. 79. 45